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Brillenbärin Sisa im Sangay Bergnebelwald im Zoo Zürich.

Kletterkünstler in der Nebelwaldanlage

Dr. Robert Zingg, das zoologische Gewissen des Zoo Zürich, geht in Pension und blickt zurück. Hier erzählt er die Geschichte der klettergewandten Brillenbären.

Robert Zingg und die Brillenbären.
Video: Zoo Zürich, Dominik Ryser

Gleich mit Arbeitsbeginn im Zoo Zürich 1994 kam ich mit «meiner» ersten Baustelle in Kontakt: Der Bau der ersten Anlage aus dem Masterplan 2020, der Brillenbärenanlage, hatte eben begonnen. Da habe ich schnell gelernt, Pläne zu lesen, ihre Umsetzung zu überprüfen, und fertige Bauteile mit den «Augen» der künftigen Bewohner zu betrachten.

In Erinnerung sind der Transport der grossen Kletterbäume per Helikopter und ihre sorgsame Platzierung mit einem grossen Kran sowie die interessanten und lehrreichen Gespräche mit den beiden amerikanischen Künstlern, die die Kunstfelsen gestalteten. Und die Ankunft der ersten Bewohner: Während der Bauzeit hatte der Zoo zwei Brillenbären im Tierpark Schönbrunn in Wien eingestellt, das Weibchen Tolima und ihre 1992 in Zürich geborene Tochter Sisa. Etwas später traf das Männchen Sangay aus Nürnberg ein. Wie sich der Gabelstapler mit der Transportkiste der Bärenanlage näherte, sassen Tolima und Sisa bereits oben im nächstgelegenen Kletterbaum und trillerten aufgeregt in Richtung Neuankömmling. Die Bären hatten offenbar schon auf Distanz miteinander kommuniziert.

Sisa lebt heute noch, nun schon recht betagt, mit Tochter Cocha und Enkeln auf dieser Anlage. 1999 sorgte sie an einem Sonntagabend für etwas Aufregung. «Dr Bär isch duss» meldete sich nach Zooschliessung ein Mitarbeiter am Telefon. Sisa hatte die nur wenig vorstehende Befestigung eines neu montierten Schiebers zur Reinigung eines Ablaufs genutzt, um aus dem Bassin heraus die Wand hinaufzuklettern und die Anlage zu verlassen. Neugierig wie ein interessierter Besucher links und rechts schauend, begab sie sich in den oberen Zooteil. Ihr Erscheinen bei den Löwen wurde mit einem lauten Brüllen kommentiert. Mit einem Fahrzeug konnte Sisa sachte ins Stallgebäude gedrängt und dort wieder in die Bärenanlage eingeschleust werden.

Sisa war es auch, die bei der Vergesellschaftung mit den Nasenbären ein erhöhtes Interesse an diesen bekundete. Alle ihre Versuche, einen der Nasenbären zu erwischen, schlugen aber fehl (für die Nasenbären waren vorsorglich verschiedene Fluchtmöglichkeiten eingebaut worden). Mit der Erfolglosigkeit erlosch das Interesse an den Nasenbären. Die Nasenbären ihrerseits wurden mutiger und lernten, in der Gruppe die Brillenbären von bevorzugten Plätzen zu verdrängen.

Beim Bau dieser Anlage wurde auf ursprünglich geplante Ausstiegshilfen für Tiere, die in einen der Begrenzung dienenden Graben fallen, verzichtet. Als das Männchen Sangay mit dem Graben Bekanntschaft machte, wusste er nicht so recht, was er mit der hineingestellten Leiter anfangen sollte (die Strohballe, die den Fuss der Leiter hätte stützen sollen, verarbeitete er zu einem Nest …). Erst als der Tierpfleger ihn mit einem Stück Brot, das am Ende einer langen Bambusstange an einer Schnur hing, zur Leiter und an ihr hoch lockte, begriff er die Übung und war im Nu wieder oben.

Auch bei diesen Gräben hat Sisa ihr besonderes Klettertalent bewiesen. Sie fand eine Technik, um kontrolliert und mit einer cleveren Abfolge von «Handgriffen» an der Konstruktion der schwenkbaren Verbindungsbrücken in die Gräben hinunter und wieder hoch zu klettern.

Die Nebelwaldanlage ist für mich noch heute eine der schönsten Bärenanlagen, die ich kenne. Sie ist abwechslungsreich gestaltet und wunderschön in die Landschaft eingebettet, ein richtiges «Schaufenster» zur Natur.

Brillenbärin Sisa im Sangay Bergnebelwald im Zoo Zürich.

Machte einst einen kleinen, nicht vorgesehenen Ausflug ausserhalb ihrer Anlage: Brillenbärin Sisa.
Copyright: Zoo Zürich, Enzo Franchini

Dr. Robert Zingg, Kurator Zoo Zürich.

Dr. Robert Zingg

Zoo-Geschichten von Robert Zingg

Dr. Robert Zingg, das zoologische Gewissen des Zoo Zürich, geht in Pension. Hier blickt er auf einige Episoden in seiner 26 Jahre dauernden Laufbahn im Zoo zurück.