Hoch hinaus: neuer Giraffenbulle
Der Zoo Zürich hat ein neues höchstes Tier: Netzgiraffenbulle «Obi». Alle Infos zum Neuzugang, was seine Aufgabe bei uns ist und weshalb es vier Jahre gedauert hat, bis in der Lewa Savanne endlich ein Giraffenbulle eingezogen ist, berichten wir hier.
Seit Ende September durchstreift zum ersten Mal ein Giraffenbulle die Lewa Savanne. Zusammen mit den Weibchen soll er künftig für Nachwuchs sorgen und so im Rahmen des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms zum Erhalt der stark bedrohten Netzgiraffen beitragen.
Video: Zoo Zürich, Tim Benz
Knubbel und Hörner
Obi, der neue Giraffenbulle, sticht durch seine Grösse und sein Aussehen auf den ersten Blick hervor. Er ist acht Jahre alt, überragt die weiblichen Giraffen seiner Herde um etwa eine halbe Kopflänge und hat zahlreiche auffällige Knubbel am Kopf. Diese sind typisch für Giraffenmännchen.
Die Knubbel heissen Exostosen und sind Knochenwucherungen, also kleine Erhebungen des Schädelknochens. Sie sehen aus wie Beulen und schützen den Schädel, wenn zwei Giraffenbullen miteinander kämpfen.
Funktionale Knubbel: Die zahlreichen «Beulen» im Gesicht sind typisch für Giraffenbullen. Sie heissen Exostosen und haben eine Schutzwirkung, wenn zwei Männchen gegeneinander kämpfen. Foto: Zoo Zürich, Fabio Süess.
Beim Kampf um Weibchen schwingen die Männchen ihre Hälse und schlagen die Köpfe mit Wucht gegen gegeneinander. Die Knubbel/Exostosen schützen den Schädel bei diesem Vorgang. Ganz anders die Hörner oder Hornzapfen am Giraffenkopf. Sie heissen Ossikone und verstärken den Schlag. Ossikone haben auch die Weibchen, Exostosen nur die Männchen.
Die Hornzapfen/Ossikone dienen nicht nur dem Kampf, sondern auch der Verteidigung.
Während die «Beulen»/Exostosen typisch sind für männliche Giraffen, gibt es die «Hörner»/Ossikone bei beiden Geschlechtern. Foto: Zoo Zürich, Enzo Franchini
Schrittweise Eingewöhnung
Obi kam Ende August aus dem Tiergarten Schönbrunn (Wien) nach Zürich, per Spezialtransport. Seit dem Abschluss der vierwöchigen Quarantäne erkundet er nun die Lewa Savanne.
Die Eingewöhnung erfolgt dabei schrittweise. Zunächst konnte Obi allein die verschiedenen Innenbereiche des Giraffenhauses erkunden. Dabei hatte er Sichtkontakt zu den anderen Giraffen. Eine Tage später fanden dann die ersten Direktkontakte mit den Weibchen statt. Sie verliefen harmonisch.
Was ist wo? Giraffenbulle Obi lernt die Lewa Savanne und all ihre Bewohner schrittweise kennen. Foto: Zoo Zürich, Fabio Süess.
Mit einem der bereits im Zoo Zürich lebenden Weibchen ist Obi verwandt: Jahi ist seine Halbschwester. Um Inzucht zu verhindern, bleiben sie und Obi getrennt. Jahi wird den Zoo Zürich deshalb auch in den kommenden Wochen verlassen. Bis dahin leistet ihr im Wechsel immer eines der drei anderen Weibchen Gesellschaft, damit sie nicht alleine ist.
Die anderen Tierarten der Lewa Savanne wird Obi ebenfalls schrittweise kennenlernen. Zunächst die Perlhühner, Strausse, Impalas und Säbelantilopen. Die Zebras und Nashörner folgen voraussichtlich erst im kommenden Frühjahr.
Der höchste im Zoo: Giraffenbulle Obi überragt in der Lewa Savanne alle, auch die Giraffenweibchen. Foto: Zoo Zürich, Enzo Franchini
Ohne Zucht, keine Population
«Bereits seit vier Jahren warten wir auf die Zuteilung eines Giraffenbullen durch das EEP. Jetzt hat es geklappt. Der Bulle ist da und wir freuen uns, dass wir nun hoffentlich erfolgreich zur Erhaltung der stark bedrohten Netzgiraffen beitragen können», sagt Zoodirektor Severin Dressen.
Die lange Wartezeit hat einen Grund: Lange Zeit gab es nur wenige Giraffenbullen innerhalb des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms. Dies, weil die Zoos wenig bis gar nicht züchteten, unter anderem um die Kapazitätsgrenzen innerhalb der Zoos nicht zu überschreiten.
Langes Warten: Vier Jahre hat es gedauert, bis nun endlich der erste Giraffenbulle die Lewa Savanne durchschreitet. Foto: Zoo Zürich, Fabio Süess.
Die Folgen davon waren drastisch: Die Zoo-Reservepopulation der Netzgiraffe überalterte. Es kamen kaum noch Jungtiere zur Welt, was zur Instabilität der Population führte – gibt es keinen Nachwuchs, stirbt die Population langfristig aus. Der Sinn einer Reservepopulation für eine in der Natur stark bedrohten Art wird damit natürlich hinfällig.
In den vergangenen Jahren hat deshalb ein Umdenken stattgefunden und die Zoos züchten wieder. Aus Sicht des Zoo Zürich ist dies ein wichtiger Schritt. Denn nur eine stabile Reservepopulation hat einen dauerhaften Nutzen für den Artenschutz in der Wildnis. Fortpflanzung ist zudem ein Grundbedürfnis von Tieren und damit ein wichtiger Aspekt für eine artgerechte Haltung.
Als Folge einer aktiven Zucht gibt es über kurz oder lang mehr Tiere als Platz im entsprechenden Zoo. In diesem Fall gibt der Zoo entweder Tiere ab, sofern geeignete Abgabeplätze vorhanden sind. Oder er tötet gezielt einzelne Tiere. Diese verfüttert er wenn immer möglich den Fleischfressern im Zoo.
Obi (r.) soll mit Luna und den anderen Giraffenweibchen für Nachwuchs sorgen und damit zur Erhaltung einer gesunden Netzgiraffen-Reservepopulation beitragen. Foto: Zoo Zürich, Fabio Süess
Das «stille Aussterben»
Im August dieses Jahres hatte die Weltnaturschutzunion IUCN bestätigt, dass es offiziell vier Giraffenarten gibt: Netzgiraffe, Massai-Giraffe, Nord-Giraffe und Süd-Giraffe.
In der Wissenschaft besteht schon seit längerer Zeit Konsens über diese Klassifizierung. Für die Rote Liste der gefährdeten Arten ist die Unterteilung jedoch neu. Sie ist wichtig für eine korrekte Erfassung des Bedrohungsstatus' und für die spezifische Erarbeitung von Schutzmassnahmen. Denn Lebensraum, Bedrohungen und Bedürfnisse können sich von Art zu Art unterscheiden.
Die Netzgiraffe gilt in der Natur als stark bedroht. Foto: Zoo Zürich, Fabio Süess
Alle vier Giraffenarten gelten als mindestens gefährdet; die im Zoo Zürich lebende Netzgiraffe gilt als stark bedroht. Der Bestand der Giraffen hat in den vergangenen 35 Jahren um mindestens 30 Prozent abgenommen, mancherorts gar um 95 Prozent. Weil dies in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist, sprechen Fachleute von «silent extinction», also dem stillen Aussterben.
Der Zoo Zürich engagiert sich nicht nur durch die Beteiligung am Europäischen Erhaltungszuchtprogramm am Schutz der Art, sondern bereits seit 1998 auch mit seinem Naturschutzprojekt Lewa im ursprünglichen Lebensraum der Netzgiraffe in Kenia.
In der Natur hat der Bestand der Giraffen in den vergangenen 35 Jahren um mindestens 30 Prozent abgenommen, mancherorts gar um 95 Prozent. Die Wissenschaft spricht von einem «stillen Aussterben». Foto: Zoo Zürich, Fabio Süess.