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  • Weibchen der Chinesischen Streifenschildkröte (Mauremys sinensis)

    Tierisches Missverständnis

    Die Vermenschlichung von Tieren ist ein Problem für den Artenschutz. Wir dichten Tieren Eigenschaften an oder missverstehen Situationen. Das beeinflusst unser Verhalten – häufig ungewollt negativ. Ein gutes Beispiel dafür ist die Chinesische Streifenschildkröte.

    Manchmal ist es doch ganz gut, dass Tiere unsere Menschensprache nicht wortwörtlich verstehen können. Und damit meine ich nicht, dass Tiere uns nicht verstehen. Viele können uns sogar sehr gut lesen, oftmals wahrscheinlich besser als unsere Mitmenschen. Ich meine wirklich: Wort für Wort. Denn wenn es so wäre, dann hätte EIN Tier bei uns im Zoo vermutlich entweder mit einem stark angekratzten Ego zu kämpfen oder es wäre schlicht einfach nur empört: Unsere männliche Chinesische Streifenschildkröte geht nach menschlichen Massstäben nicht gerade als Adonis der Tierwelt durch. Eher könnte man ihm einen Napoleonkomplex unterstellen – klein, unterschätzt und ständig am Posen. Und unsere Zoogäste giessen quasi noch Öl ins Feuer. Denn statt die Flirtversuche eines ambitionierten Schildkrötenmannes zu würdigen, fällt meist der Satz: Jöö, schau mal, eine herzige Babyschildkröte! Bäm, der sitzt! Da kann sich das Männchen noch so abmühen. 

    Unterschätztes Problem

    Nun, vielleicht müssen sie schmunzeln. Doch, was sich hier humorvoll liest, ist aus Artenschutzsicht ein nicht zu unterschätzendes Problem: Die Vermenschlichung von Tieren. Es ist verständlich, dass wir aus einer menschlichen Perspektive auf unsere Umwelt blicken. Wir sind schliesslich Menschen. Nur blenden wir dabei gerne aus, dass wir nicht die einzigen Bewohner dieses Planeten sind und dass nicht alles andere Leben um uns herum so tickt wie wir. Statt genau hinzuschauen, dichten wir Tieren schnell mal Eigenschaften an, die sie gar nicht haben. Sprechen ihnen Fähigkeiten ab, die sie sehr wohl besitzen. Oder bewerten Situationen schlicht komplett falsch. Das kann zu Handlungen führen, die nicht im Sinne des Tieres sind. 

    Um bei der Streifenschildkröte zu bleiben, folgende Situation: Die kleine Schildkröte schiebt sich von hinten schräg unter die grosse und verharrt. Sie paart sich. Bereits öfters gab es bei diesem Anblick jedoch besorgte Meldungen an unsere Tierpfleger*innen, das Jungtier werde erdrückt und brauche dringend Hilfe. Natürlich sind wir sehr froh, wenn uns Gäste auf kritische Situationen aufmerksam machen. Nur würden wir hier die menschliche statt die tierische Brille aufsetzen und die beiden trennen, dann würden wir definitiv nicht im Sinne der Schildkröten handeln. 

    Missverstanden und ausgebeutet

    Es ist also nicht immer alles so eindeutig, wie es scheint. Gerade bei der Chinesischen Streifenschildkröte wäre Nachwuchs wünschenswert. Die Art ist vom Aussterben bedroht. Wir Menschen missverstehen die Tiere nicht nur, wir beuten sie auch aus: für den Verzehr, religiöse Rituale, den Heimtiermarkt. Zuletzt verzeichnete die Gesamtpopulation einen Rückgang von schätzungsweise 80 Prozent innerhalb nur einer Generation. Als moderner Zoo engagieren wir uns deshalb im Europäischen Erhaltungszuchtprogramm. Und unser vermeintlicher «Napoleon» gibt dafür definitiv alles. Zum Glück versteht er unsere Worte nicht. Sonst hätten wir nicht nur ein Artenschutzprojekt, sondern vermutlich auch ein handfestes Ego-Problem im Zoo.

    Männliche Streifenschildkröte (Mauremys sinensis) sitzt auf weiblicher

    Das Männchen der Chinesischen Streifenschildkröte ist deutlich kleiner als das Weibchen. Foto: Zoo Zürich, Enzo Franchini.

    Portraitbild Dr. Severin Dressen, Direktor Zoo Zürich, Mai 2026.

    Zoodirektor Severin Dressen

    Nebenstehender Text erschien erstmals im Rahmen der Kolumne «Zoo Intern» von Severin Dressen im «Tagblatt der Stadt Zürich».