Direkt zum Inhalt
  • Weissstorch (Ciconia ciconia) im Flug

    Storch bleibt zuhause

    Im Zoo Zürich wurden die Jungstörche beringt. 2026 war ein gutes Storchenjahr. Dem Weissstorch gefällt es in der Schweiz. Über 3000 Tiere gibt es inzwischen wieder und nur die wenigsten ziehen noch.

    Früher war der Storch ein Weltenbummler. Ein Zugvogel mit Fernweh, den Sommer verbrachte er in Europa, aber im grusigen mitteleuropäischen Winter zog es ihn immer Richtung Süden. Mindestens seit der Antike wissen wir verbrieft von dem saisonalen Halbkugelwechsel. In den letzten Jahrzehnten jedoch hat sich die Storchenwelt bemerkenswert verändert. Wo einst die ganze europäische Storchenfamilie Richtung Sub-Sahara aufbrach, bleibt man heute erstaunlich oft einfach in der Region hängen. Der Ausdruck «Zugvogel» wird damit zumindest bei Störchen langsam zum historischen Begriff – irgendwo zwischen Faxgerät und Telefonzelle. 

    Zugvogel ohne Zug

    Im ersten Lebensjahr folgen die Störche zwar noch ihrer genetischen Programmierung des Langestreckenfluges, aber schon ab dem zweiten Jahr schaffen es nur noch die wenigsten übers Mittelmeer. Zu verlockend sind die offenen Abfalldeponien in Spanien. Und in Zeiten von milden Wintern ist selbst die Iberische Halbinsel viel zu weit weg und der Greifensee im Zürcher Oberland erscheint noch verlockender als Marbella und Co. 

    Und 2026? Das ist offensichtlich das Jahr, in dem sich die Zürcher Störche gedacht haben: Jetzt drehen wir richtig auf.

    In unserem Zoo wurde kürzlich Bilanz gezogen – und die fiel aus wie ein sonniger Pfingstmontag im Zoo Zürich: laut, belebt und ein bisschen unübersichtlich. Dabei wurden alle 25 Horste kontrolliert, von denen 22 bewohnt waren. In 17 Horsten gab es Nachwuchs – und zwar insgesamt 47 Jungstörche. Rekordverdächtig! Verdichtetes Wohnen und Verjüngung der Gesellschaft. Die Storchencommunity zeigt, wie gesellschaftliche Herausforderungen angegangen werden können. Wenig Regen im April und Mai sorgte dafür, dass viele Jungtiere aufgrund der ideale Aufzuchtbedingungen durchkamen. Während wir uns über zu trockene Wiesen sorgen, freut sich die Storchenfamilie über trockene Kinder.

    Beringung von Jungstörchen 2026

    Foto: Zoo Zürich, Tim Benz

    Feuerwehr für unsere Vögel

    Die Storcheninventur, inklusive der Beringung aller Jungvögel, ist nicht ganz ohne Aufwand. Die Horste liegen gern dort, wo man mit der normalen Gartenleiter nicht hinkommt. Bis zu 14 Meter geht es hoch auf Bäume, Dächer und künstliche Nisthilfen. Deshalb rückt jährlich Schutz und Rettung Zürich mit der Drehleiter an. Feuerwehr für Vögel: nur, dass hier niemand gerettet wird, sondern beringt. So kann man das – zunehmend lokale – Zugverhalten aller beringten Störchen besser dokumentieren.

    Das nun bald rund 100 Störche am Zürichberg herumfliegen werden, ist ein Beispiel einer artenschützerischen Erfolgsgeschichte. Waren Störche noch Mitte des 20. Jahrhunderts in der Schweiz ausgestorben, steigerte sich ihre Zahl seit den ersten Wiederansiedlungsversuchen ab 1948 dank strenger Schutzmassnahmen kontinuierlich auf heute über 3000 Tiere. Inzwischen sind Weissstörche wieder fester Bestandteil der Schweizer Artenvielfalt. Und während Menschen immer mehr reisen, bleiben Störche immer öfter zuhause. Vielleicht haben sie einfach früher verstanden, was wir erst lernen müssen: Man muss nicht ständig wegfliegen, um es gut zu haben.

    Zoodirektor Severin Dressen Porträt

    Zoodirektor Severin Dressen

    Nebenstehender Text erschien erstmals im Rahmen der Kolumne «Zoogeschichten» von Severin Dressen in der «Weltwoche».