Seltener Anblick im Masoala Regenwald
Im Masoala Regenwald kann derzeit ein seltenes Schauspiel beobachtet werden. In der Nähe der Türme blüht eine aussergewöhnliche Pflanze, die nicht nur gefährdet ist, sondern auch selten und nur wenige Tage blüht. Die Titanwurz ist ein ganz besonderes Erlebnis – für Augen und Nase.
Wenn Tierpfleger und Pflanzenspezialist Francesco dieser Tage seinen Dienst früh morgens im Masoala Regenwald antritt, dann rümpft er kurz die Nase. «Das riecht wirklich nicht so angenehm. Als Tierpfleger bin ich strenge Gerüche gewohnt, aber das ist schon sehr speziell.» Der intensive Aas-Geruch, der ihm entgegenschlägt, stammt von der Titanwurz (Amorphophallus titanum), welche zurzeit in der Halle blüht und welche nicht nur durch ihre Grösse, sondern durch gleich mehrere sonderbare Eigenheiten im Pflanzenreich hervorsticht.
Gigant unter den Pflanzen
Früh am Donnerstagmorgen ist es so weit: die Titanwurz beginnt sich zu öffnen. Stück für Stück entfaltet sich das um den mittleren Kolben angelegte, rotbraune und über ein Meter grosse Hüllblatt. Schon wenige Stunden später ist es voll entfaltet und lässt die Pflanze in ihrer ganzen Pracht erstrahlen.
Video: Zoo Zürich, Birte Fröhlich | Dominik Ryser
Das Hüllblatt schützt die eigentlichen Blüten der Pflanze, die gut versteckt am unteren Ende des Kolbens angeordnet sind – aufgeteilt in weibliche Blüten unten und männliche weiter oben.
Titanenhaft gross ist aber nicht nur das Hüllblatt, sondern vor allem der riesige, gelbliche Kolben in der Mitte der Pflanze. Bis zu drei Meter gross können manche Kolben werden. Das macht die Titanwurz zum Rekordhalter im Pflanzenreich. Sie bildet den grössten unverzweigten Blütenstand der Welt.
| Blütenkunde Blüte ist nicht gleich Blüte. Es gibt Einzelblüten und es gibt Blütenstände, also ein System aus vielen kleinen Einzelblüten, das zusammen betrachtet, wie eine Einzelblüte wirken kann. Ein Beispiel für eine Pflanze mit einer Einzelblüte ist die Tulpe. Ein Stengel und oben dran eine Blüte. Anders beim Lavendel. Ein Stengel und oben dran ganz viele kleine einzelne Blüten, also ein Blütenstand. |
Ausnahmeerscheinung in vielerlei Hinsicht
Doch nicht nur ihre Grösse macht die Titanwurz zur Ausnahmeerscheinung. Speziell ist auch ihre Bestäubungstaktik. Die Titanwurz gehört zu den Aronstabgewächsen. Alle Vertreter dieser Pflanzengattung bilden Blütenstände, die am unteren Ende eines Kolbens sitzen und von einem Hüllblatt umgeben sind. Und alle Kolben stinken – oder diplomatischer ausgedrückt: verströmen einen mehr oder weniger intensiven Geruch nach Aas.
Foto: Zoo Zürich, Fabio Süess.
«Was für menschliche Nasen unappetitlich ist, wirkt auf viele Insekten dagegen unwiderstehlich. Angelockt vom Geruch fliegen und krabbeln sie den Kolben hinab bis zu den Blüten und sorgen so für deren Bestäubung», erklärt Pflanzenspezialist Francesco. «Und die Titanwurz treibt dieses Prinzip sozusagen auf die Spitze!»
Spitzenreiter unter den Stinkern
Einerseits durch ihre Grösse, andererseits weil sie den Kolben erhitzt. Bis zu 8 Grad wärmer als die Umgebungstemperatur kann dieser sein! Das führt dazu, dass sich der Geruch verstärkt, die Titanwurz also besonders stark stinkt. Sie holt quasi das Maximum raus, um ihre Vermehrung sicherzustellen.
Die blühende Titanwurz ist vom Gästebereich aus gut zu sehen. Foto: Zoo Zürich, Fabio Süess.
Das muss sie auch, denn ihre Blühzeit ist äusserst kurz. Sie dauert nur 2 bis 3 Tage. Den Geruch nach Aas verströmt sie sogar nur in den ersten sechs Stunden nach Öffnung des Hüllblatts. Die braune Färbung des Blatts ist dabei im Übrigen kein Zufall, sondern Teil des Schauspiels.
Geruch und Optik zusammen verstärken den Eindruck, es handle sich bei der Titanwurz um Aas. «Die Insekten bemerken den Schwindel erst, wenn sie ihren Job bereits erledigt haben», schmunzelt Francesco.
Weniger als 1000 Exemplare in der Natur
Seit Februar 2025 befindet sich ein Exemplar der Titanwurz im Masoala Regenwald. Die Art ist ursprünglich auf Sumatra beheimatet. Dort ist sie endemisch, kommt also nur auf der indonesischen Insel vor. Wie der Sumatra-Orang-Utan kämpft auch die Titanwurz mit dem Verlust von Lebensraum – vor allem durch Brandrodungen für landwirtschaftliche Nutzflächen wie Palmölplantagen.
Rund 45 Standorte mit jeweils weniger als 10 Exemplaren sind derzeit auf der Insel bekannt. Nach Schätzungen der Weltnaturschutzunion IUCN ist über die Hälfte des Bestands in den vergangenen 100 Jahren verschwunden und derzeit weiter abnehmend. Die Titanwurz gilt daher als stark bedroht.
Blüte kam überraschend
«Wir haben eigentlich gar nicht damit gerechnet, dass sie jetzt schon blüht. Die Bedingungen bei uns im Regenwald sind zwar grundsätzlich geeignet, dennoch waren wir überrascht, als wir plötzlich die Knospe am Boden entdeckt haben», freuts den Pflanzenfan Francesco. Die Entwicklung der Blüte sowie die Blühphase ganz nah und live mitzuerleben, sei schon etwas sehr Besonderes.
Blühende Titanwurz auf der indonesischen Insel Sumatra. Foto: istock, Lex Wanto Hutasoit.
Damit die Titanwurz überhaupt spriesst, müssen die Bedingungen stimmen. Nicht nur Temperatur, Licht und Feuchtigkeit, die Knolle der Pflanze muss zudem ein Gewicht von etwa 20 Kilogramm erreicht haben. Erst dann bildet sie abwechselnd entweder Blätter oder einen Blütenstand aus. Nicht beides zur gleichen Zeit. Auch das macht die Blüte so besonders, sie tritt dadurch in der Regel nur alle paar Jahre auf.
Pflanzenspezialist Francesco mit der Titanwurzknolle. Foto: Zoo Zürich.
Erst wenn die Knolle die kritische Gewichtsgrenze von etwa 20 Kilogramm erreicht hat, beginnt sie zu spriessen. Foto: Zoo Zürich.
Die Titanwurz ist eine von vielen faszinierenden Pflanzen mit einer spannenden Ökologie und Biologie. Stellvertretend für viele andere Arten, lässt sich an ihrem Beispiel die Begeisterung für Ökologie, Bestäubungsbiologie, Artenschutz und Artenvielfalt vermitteln und wecken. Genau das, was wir im Zoo Zürich als eine unserer Kernaufgaben jeden Tag und üblicherweise mit unseren tierischen Botschaftern erreichen wollen.
Foto: Zoo Zürich, Fabio Süess.