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  • Orangeaugen-Laubfrosch in der Forschungsstation des Zoo Zürich.

    Kleiner Frosch, grosser Erfolg

    Ein Konfiskat brachte Laich und Kaulquappen des Orangeaugen-Laubfroschs in den Zoo Zürich. Das Team in der Forschungsstation legte in der Folge den Grundstein für eine erfolgreiche Reservepopulation dieser gefährdeten Art. Hier berichten wir wie.

    Seit einem Jahr gibt die Forschungsstation im Zoo Zürich den Gästen Einblick in einen wichtigen Teil der Arbeit eines modernen Zoos: die Forschung. Der Zoo erforscht hier beispielsweise Zucht- und Haltungsbedingungen für gefährdete Tierarten. Denn der Aufbau und Erhalt von Reservepopulationen, und damit erfolgreicher Artenschutz ausserhalb des natürlichen Lebensraums, funktioniert nur, wenn sich die gefährdeten Tiere erfolgreich fortpflanzen.

    Die Forschungsstation bietet hierzu ideale Voraussetzungen – zum Beispiel zur Klärung der Frage: Wie bringt man den Orangeaugen-Laubfrosch zum Laichen?

    Video: Zoo Zürich, Tim Benz

    Anfang mit Konfiskat

    Rund 60 kugelrunde Eier kleben als dicker Klumpen versteckt unter einem Blatt im Terrarium des Orangeaugen-Laubfrosches. Der Laich ist etwas Besonderes: Er ist der Grundstein für den Aufbau einer Reservepopulation des in seinem natürlichen Lebensraum bedrohten und stellenweise sogar ausgestorbenen Frosches.

    Hochmotiviert hatte sich das Team der Forschungsstation vor einigen Monaten an die Arbeit gemacht. Aus ein paar dutzend Kaulquappen und einer Handvoll Froschlaich – beides Konfiskate, entdeckt am Flughafen Zürich, Rückführung unmöglich – gelang es unserem Team, dreissig Frösche aufzuziehen. Ein erster wichtiger Schritt war getan.

    Orangeaugen-Laubfrösche bei der Paarung in der Forschungsstation des Zoo Zürich.

    Orangeaugen-Laubfrösche nachzüchten: Von der Paarung ... Foto: Zoo Zürich, Monika Bader

    Nur: Wie weiter? Wie animiert man dreissig Orangeaugenlaubfrösche zur Fortpflanzung?

    Es folgten eine intensive Literaturrecherche und der Austausch mit allen verfügbaren Froschspezialist*innen. Das Problem: Es existieren so gut wie keine weiteren Tiere dieser Art in Europa. Ein kleiner Bestand lebt in einem Naturkundemuseum in England, ein einzelnes Tier in einem weiteren Zoo in Deutschland und ein paar Exemplare bei zwei Privathaltern. Kurzum, eine koordinierte Haltung und kontrollierte Vermehrung der bedrohten Art ausserhalb ihres natürlichen Lebensraums gibt es nicht.

    Laich des Orangeaugen-Laubfroschs in der Forschungsstation des Zoo Zürich.

    ... über den Laich ... Foto: Zoo Zürich, Tim Benz

    «Wir retten eine Art»

    Schnell war klar, dass es diese Chance zu nutzen galt. «Wir hatten plötzlich dreissig Frösche einer bedrohten Art in unserer Obhut, deren Situation in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet alles andere als positiv ist. Zugleich existiert keine Reservepopulation, obwohl es diese unbedingt geben sollte», erklärt Zoodirektor Severin Dressen.

    «Also haben wir uns hingesetzt, alles verfügbare Wissen zur Zucht und Haltung zusammengetragen und uns an die Arbeit gemacht. Die Situation in der Forschungsstation bietet uns dabei optimale Bedingungen. Mit unserer Arbeit können wir eine solide Basis schaffen und mithelfen, eine Art zu retten.»

    Kaulquappen des Orangeaugen-Laubfroschs in der Forschungsstation des Zoo Zürich.

    ... zur Kaulquappe ... Foto: Zoo Zürich, Tim Benz

    Schlechte Aussichten in der Heimat

    Das natürliche Verbreitungsgebiet des Orangeaugen-Laubfrosches sind die feuchten Tieflandregenwälder Costa Ricas. Dort leben jedoch kaum noch Tiere, die Art ist weitgehend verschwunden.

    Restpopulationen finden sich in städtischen Gebieten und Vororten, beispielsweise in Hotelanlagen mit Teichen oder auf Kaffeeplantagen. Einige Tiere oder deren Laich sind vermutlich dahin verschleppt worden und haben überlebt.

    Die Nähe zum Menschen birgt jedoch grosse Risiken. So kommt es immer wieder zur Zerstörung von Laich und Kaulquappen. Der Lebensraum, die Gewässer, sind oft stark verschmutzt, was die Verbreitung von Krankheitserregern fördert, etwa den Chytridpilz, der weltweit gefährlichste Feind der Amphibien (mehr dazu hier). Es braucht also wenig und der Frosch ist Geschichte.

    Orangeaugen-Laubfrösche in der Metamorphose in der Forschungsstation des Zoo Zürich.

    ... zur Metamorphose ... Foto: Zoo Zürich, Tim Benz

    Trocken- und Regenzeit

    Dank der technischen Gegebenheiten in der Forschungsstation konnte unsere Tierpfleger*innen zuerst eine Trockenzeit und danach eine Regenzeit simulieren – so wie es die rudimentär vorhandene Literatur empfiehlt. Auch die Temperaturen regulierten sie exakt. Und tatsächlich, am dritten Tag der simulierten Regenzeit konnte unser Team die erste Laichablage beobachten. Viele weitere folgten. Die harte Arbeit, gute Vorbereitung und Planung des Teams begannen sich auszuzahlen.

    Alle Schritte, die zum Erfolg führten, hat das Team der Forschungsstation dokumentiert und festgehalten. In Zusammenarbeit mit der nach wissenschaftlichen Standards arbeitenden Organisation Citizen Conservation entstehen daraus nun die ersten Richtlinien zum Aufbau und Erhalt einer Reservepopulation.

    In einem weiteren Schritt werden nun nicht nur die Nachzuchten, sondern auch das gesammelte Wissen geteilt und verbreitet. Bereits zehn weitere Zoos in Europa haben Interesse angemeldet. Das ist eine gute Basis, um erfolgreich an das bisher Erreichte anzuknüpfen.

    Junger Orangeaugen-Laubfrosch in der Forschungsstation des Zoo Zürich.

    ... zum fertigen Jungfröschchen. Foto: Zoo Zürich, Tim Benz

    Maximale Transparenz

    Der Zucht- und Haltungserfolg beim Orangeaugen-Laubfrosch ist ein Beispiel für die wichtige Arbeit in der Forschungsstation. Ähnliche Zuchterfolge gibt es bei neun weiteren Arten. Diese reichen vom Vincente-Baumsteiger, ebenfalls eine Froschart, über den Buckelkärpfling (Fisch) bis hin zur Türkisblauen Riesenstabschrecke (Insekt).

    Wissen generieren, Abläufe optimieren, Reservepopulationen etablieren und erhalten – all das ist zentral für den Erhalt der Biodiversität. Die Forschungsstation im Zoo Zürich bietet dafür die idealen Bedingungen. Darüber hinaus macht sie diese Arbeit sichtbar für die Zoogäste. Regenzeit-Simulation, Ei-Ablage, Schlupf, Metamorphose zum Frosch, Dokumentation aller Schritte – alles das findet öffentlich statt und kann live mitverfolgt werden.

    Um gefährdeten Arten eine Zukunft zu geben, braucht es Wissen und Forschung, den Schutz intakter Lebensräume, funktionierende Reservepopulationen und die Aufmerksamkeit und das Interesse vieler: Forschung, Naturschutz, Artenschutz und Bildung – die vier Hauptaufgaben eines modernen Zoos.

    Junger Vicente-Baumsteiger in der Forschungsstation des Zoo Zürich.

    Auch er pflanzt sich in der Forschungsstation erfolgreich fort: der Vicente-Baumsteiger. Foto: Zoo Zürich, Andreas Zärling