Kein Krebs – Schildkröten als Vorbild
Schildkröten erkranken so gut wie nie an Krebs. Dies zeigt eine kürzlich erschienene Studie, die ohne Zoos so nicht möglich gewesen wäre. Auch der Zoo Zürich hat daran mitgewirkt. Die Ergebnisse liefern nicht nur neue Erkenntnisse zu Schildkröten, sondern sind auch relevant für die menschliche Krebsforschung.
Es wirkt ein wenig wie in Zeitlupe, wenn sich Galapagos-Riesenschildkröte Nigrita vorwärtsbewegt. Langsam, ganz ganz langsam hebt sich ihr Bein, bewegt sich nach vorne und senkt sich ebenso langsam wieder ab. Einen Sprint gewinnt die Schildkröte so nicht, aber Langsamkeit kann auch Vorteile haben.
Die Studie ist im Juli in der Fachzeitschrift BioScience erschienen. Screenshot: Zoo Zürich/BioScience.
Die langsame Lebensweise der Schildkröten scheint einer der Gründe zu sein, warum sie so gut wie nie an Krebs erkranken, so die leitenden Studienautor*innen der Universität von Nottingham und der Universität von Birmingham. Für die kürzlich im Fachmagazin BioScience veröffentlichte Studie hatten sie Hunderte Obduktions-Berichte von Schildkröten aus Zoos in Nordamerika und Europa untersucht. Auch solche aus dem Zoo Zürich.
Keine Regel ohne Ausnahme
Die Befunde der Studie sind ebenso erstaunlich wie spannend. Denn Schildkröten widerlegen eines der wichtigsten Muster in der Krebsforschung, welches lautet: Je länger ein Körper lebt und je mehr Zellen er hat (also je grösser), desto höher das Krebsrisiko.
Galapagos-Riesenschildkröte Nigrita ist die älteste Bewohnerin des Zoo Zürich. Foto: Zoo Zürich, Samuel Furrer.
Galapagos-Riesenschildkröte Nigrita ist das älteste Tier im Zoo Zürich. Rund 90 Jahre alt, 98 Kilogramm schwer und topfit. Aus Riesenschildkrötensicht ist sie quasi im besten Alter. Riesenschildkröten werden sehr alt. Manche Exemplare weit über 150 Jahre. Der Logik der Krebsforschung folgend müssten Schildkröten und insbesondere Riesenschildkröten früher oder später also an Krebs erkranken. Tun sie aber nicht.
Das Geheimnis der Schildkröten
Die Studie zeigt, dass nur etwa ein Prozent der Schildkröten an Krebs erkrankt. Und wenn sie tatsächlich erkranken, dann bildet der Tumor so gut wie nie Metastasen. Wie kann das sein?
Nicht nur Landschildkröten, auch Wasserschildkröten wie die Annam Bachschildkröte erkranken extrem selten an Krebs. Foto: Zoo Zürich, Albert Schmidmeister.
Nach Ansicht der Forscher*innen ist die Langsamkeit von Schildkröten ein wichtiger Faktor. Durch die gemächliche Lebensweise und die Anpassung an eher karge Lebensräume ist ihr Stoffwechsel im Vergleich zu anderen Lebewesen stark reduziert, was zu einer verringerten Zellteilung führt. Das wiederum reduziert das Risiko für Zell-Mutationen – die Grundlage von Krebs.
Zudem verfügen Schildkröten über starke Schutzsysteme auf genetischer Ebene. Beispielsweise können manche Wasserschildkröten monatelang unter Wasser überwintern und kommen dabei mit extrem wenig Sauerstoff aus, ohne dass die Körperzellen durch den Sauerstoffmangel Schaden nehmen. Durch solche Schutzmechanismen sind auch Schäden an der DNA seltener. Auch das verringert das Krebsrisiko.
Spannend für Humanmedizin
Die gewonnenen Erkenntnisse stossen daher auch auf Interesse innerhalb der menschlichen Krebsforschung. Sie liefern Hinweise, wie sich Krebs entwickelt oder eben nicht und welche Mechanismen dabei eine Rolle spielen. Schildkröten stellen somit eine Art naturgegebenes Modell für die Erforschung von Krebsresistenz dar – mit der Chance auf lange Sicht daraus neue Krebstherapien zu entwickeln.
10 der 11 im Zoo Zürich lebenden Schildkrötenarten gelten als gefährdet. Die Chinesische Streifenschildkröte ist gar vom Aussterben bedroht. Foto: Zoo Zürich, Fabio Süess.
Forschung gehört neben Artenschutz, Naturschutz und Bildung zu den Hauptaufgaben von Zoos. Solche Projekte zeigen, welches Potenzial darin steckt. Ohne die umfangreiche Datensammlung und Vernetzung wissenschaftlicher Zoos, wären solche Studien gar nicht erst möglich.
Zahlreiche Schildkröten gefährdet
Auch zeigt sich, wie wichtig Artenschutz heute ist. Auf der Roten Liste der gefährdeten Arten der Weltnaturschutzunion IUCN sind über 60 Prozent der Schildkrötenarten als mindestens gefährdet eingestuft. Verlieren wir Arten, verlieren wir auch jede Menge – bis jetzt unentdecktes – Wissen.
Die ebenfalls im Zoo Zürich lebende Spenglers Zacken-Erdschildkröte ist in ihrem ursprünglichen Lebensraum in Asien stark bedroht. Foto: Zoo Zürich, Fabio Süess.