Jedes Küken zählt!
Die grösste Papageienart der Welt ist gefährdet. In ihrem natürlichen Lebensraum – dem brasilianischen Feuchtgebiet Pantanal – wird der Bestand der Hyazintharas auf nur noch rund 4300 Tiere geschätzt. Um die die natürliche Population der blauen Vögel zu sichern, muss die niedrige Reproduktionsrate von nur einem Küken pro Nest künstlich erhöht werden.
Im Süden des über 150'000 Quadratkilometer grossen Feuchtgebiets Pantanal in Brasilien befindet sich die Feldstation des Instituto Arara Azul, dem südamerikanischen Naturschutzprojektpartner des Zoo Zürich. Das Haus in Hyazinthblau ist einerseits Ausgangspunkt für die Mitarbeiter*innen von Arara Azul zur Bereitstellung, Überwachung und Pflege von über 300 Hyazinthara-Nestern im angrenzenden Schutzgebiet. Andererseits befindet sich darin seit Mitte 2023 ein Brut- und Aufzuchtlabor für Hyazinthara-Küken.
Die Projektbasis von Arara Azul im Süden des Pantanals. Foto: Instituto Arara Azul
In diesem Labor sitzt die Tierärztin Maria Eduarda Monteiro – eine der 17 Naturschutzbotschafter*innen des Zoo Zürich – und prüft die Einstellungen eines Inkubators, in dem ein Hyazinthara-Ei liegt. Dieses wurde von den Projektmitarbeiter*innen des Instituto Arara Azul aus einem der überwachten Nester entnommen.
Die Weibchen dieser Papageien-Art legen durchschnittlich zwar zwei Eier pro Saison, aber bei fast 70 % der Paare überlebt nur ein Küken. Die Reproduktionsrate der gefährdeten Vögel ist natürlicherweise eher tief. Gründe sind plötzliche Temperaturveränderungen aufgrund des Klimawandels, geringes Nahrungsangebot, mangelnde Erfahrung des Elternpaares, Verluste durch natürlichen Tod, Krankheiten oder auch die asynchrone Entwicklung von Küken aus demselben Nest, die zu Nahrungskonkurrenz unter den Geschwistern führt.
Um die genetische Stabilität der Hyazinthara-Population mit aktuell nur rund 4300 Vögeln dennoch langfristig zu sichern, muss der Mensch aktive Unterstützung leisten.
Tierärztin und Naturschutzbotschafter*in des Zoo Zürich, Maria Eduarda Monteiro, kontrolliert die Einstellungen des Inkubators mit einem Hyazinthara-Ei. Foto: Instituto Arara Azul, Neiva Guedes
Überwachung von 105 Nestern
Für die Erhöhung der Anzahl überlebender Jungvögel betreiben die Mitarbeiter*innen des Instituto Arara Azul während der Brut- und Aufzuchtsaison ein intensives Nest-Monitoring. In regelmässigen Abständen haben sie so von Juli 2023 bis März 2024 im Schutzgebiet Refúgio Ecológico Caiman 105 Nester kontrolliert. 57 davon sind durch die Papageien natürlich gebaute Nester. Daneben haben die Papageienschützer*innen auch noch 48 künstliche Bruthilfen installiert, die für das Brutgeschäft ebenfalls rege genutzt werden.
Ein durch das Instituto Arara Azul installierter künstlicher Brutplatz für die Hyazintharas im Pantanal. Foto: Instituto Arara Azul, Ana Cecília Lourenço
Vom Nest ins Labor
Bei vier Nestern entdeckten die kontrollierenden Personen ein frisch geschlüpftes Küken neben einem noch ganzen Ei, worin sich ein Embryo befand, der kurz vor Ende seiner Entwicklung stand. Diese wurden aus dem Nest entfernt, durch kleine Hühnereier ersetzt und in einer gut gepolsterten und isolierten Styroporbox ins Labor transportiert.
In zwei anderen Brutstellen lagen bereits geschlüpfte Jungtiere, die aber aufgrund der Nahrungskonkurrenz zu den Geschwistern deutlich kleiner und schwächer waren. Auch diese beiden Tiere wurden zur weiteren Aufzucht in das neue Labor gezügelt.
Eines der beiden unterernährten Hyazinthara-Küken, das aus dem Nest für die Aufzucht ins Labor gebracht wurde. Foto: Instituto Arara Azul
Auch der zweite, bereits etwas ältere Nestling wird von der Tierärztin Maria Eduarda Monteiro im Labor gefüttert. Foto: Instituto Arara Azul
Nackt und blind
Das Ei im Inkubator zeigt erste Risse in der Schale und schon wenig später schlüpft ein gerade mal 23 Gramm schweres Küken. Maria Eduarda Monteiro freut sich über den Papageien-Nachwuchs, weiss aber auch, dass nun eine intensive Aufzuchtphase folgt, bis das Jungtier zurück ins Nest gebracht werden kann. Alle zwei Stunden heisst es: das Futter auf rund 39 Grad Celsius aufwärmen und mittels einer kleinen Spritze in den Schnabel des noch nackten und blinden Jungvogels geben.
Knack! – Das Ei springt auf und das Küken erblickt das Licht der Welt. Foto: Instituto Arara Azul
Knack! – Das Ei springt auf und das Küken erblickt das Licht der Welt. Foto: Instituto Arara Azul
High-Energy-Futter aus der Spritze für das Jungtier, damit es die ersten kritischen Tage übersteht. Foto: Instituto Arara Azul
Wichtige Erfahrungen gesammelt
Nach rund 15 Tagen im Labor folgt Phase zwei im künstlichen Brut- und Aufzuchtprogramm der Hyazinthara-Küken. Die Jungtiere werden wieder zurück in die Nester der eigenen Eltern oder bisher kinderloser Adoptiveltern gesetzt. Am Ende haben drei Jungvögel aus dem Labor bis zum Flugalter überlebt, die anderen drei sind leider trotz der Bemühungen des Teams des Instituto Arara Azul verstorben.
Insgesamt wurden in der letzten Brutsaison 137 Eier in den natürlichen Nestern und im Labor intensiv überwacht, woraus 82 Hyazinthara-Küken schlüpften. Nur dank der intensiven Betreuung durch das Team des Instituto Arara Azul überlebten davon 50 und verliessen das Nest am Ende. Hätte diese Unterstützung nicht stattgefunden, hätten 28 % oder 14 Jungvögel weniger überlebt.
Dank der grosszügigen Spende der Getika Stiftung konnte der Zoo Zürich den Bau des neuen Labors seines Naturschutzpartners im letzten Jahr finanzieren und so dazu beitragen, erste wichtige Erfahrungen für den Aufbau künftiger Management- und Erhaltungsmassnahmen der Hyazintharas zu gewinnen – für eine hoffnungsvollere Zukunft der hyazinthblauen und grössten Papageienart.