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  • Bergbongo läuft aus Transportbox.

    Hoffnung für die letzten überlebenden Bergbongos Kenias

    Nach über 50 Jahren Abwesenheit sind im Februar diesen Jahres 17 Bergbongos aus einem Zuchtprogramm in den USA zurück in ihre ursprüngliche Heimat nach Kenia gereist. Es ist der Start eines ambitionierten Wiederansiedlungsprojekt, das die letzten verbleibenden Tiere am Mount Kenya vor dem endgültigen Aussterben bewahren soll. Ein immenser Kraftakt, ermöglicht auch durch die Unterstützung des Zoo Zürich in Zusammenarbeit mit der Erlenmeyer-Stiftung und unserem Naturschutzpartner in Kenia, dem Lewa Wildlife Conservancy.

    Es ist Sonntag, der 23. Februar 2025: Auf einem Flugplatz in Florida stehen 17 grosse hölzerne Kisten mit äusserst wertvoller Fracht bereit zum Verladen. Behutsam und unter den wachsamen Augen von zwei Tierpflegern und einem Tierarzt werden die Kisten in den Rumpf der Frachtmaschine gehievt. 17 Bergbongos, 12 weibliche und 5 männliche Tiere, treten heute ihre Reise über den Atlantik an, um schon bald durch ihren ursprünglichen Lebensraum, die dichten Bergwälder an den Nordosthängen des Mount Kenyas, zu ziehen.

    Wiederansiedlungsprojekt Bergbongos in Kenia (englisch)

    Video: Lewa Wildlife Conservancy

    Mit weiser Voraussicht

    Die 17 Tiere stammen aus einer Zucht der Rare Species Conservatory Foundation (RSCF), welche die weltweit grösste Population der seltenen Antilopenart ausserhalb ihres natürlichen Lebensraumes beherbergt. Bereits in den 70er-Jahren hatte die kenianische Regierung 36 Bergbongos in weiser Voraussicht zum Aufbau einer Reservepopulation in Zoos und spezialisierte Wildtierhaltungen in die USA exportiert. Schon damals war klar, dass die Waldantilopen-Art ohne Hilfe nicht überleben würde. Auf nur noch rund 500 Tiere wurde die damalige Population geschätzt. 

    Es galt Zeit zu gewinnen. Zeit, um die lokale Bevölkerung von der Bedeutung der Bergbongos für die Region zu überzeugen und die starke Bejagung der Art als leicht zugängliche Proteinquelle zu beenden. Und Zeit, um in Kenia Schutzgebiete aufzubauen, Lebensraum zu erhalten sowie eine nachhaltige und langfristige Strategie zum Schutz und zur Wiederansiedlung zu erarbeiten. 

    Zwei Bergbongos des Wiederansiedlungsprojekts in Kenia.

    Erkennungsmerkmale der Bergbongos sind das rotbraune Fell mit weissen Streifen und die langen, spiralförmigen Hörner. Foto: Lewa Wildlife Conservancy.

    Hoffnungsvoll und erfolgversprechend

    Heute, gut fünf Jahrzehnte später, gilt das Bergbongo laut der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN als vom Aussterben bedroht. Es existieren noch wenige, stark zersplitterte Populationen in verschiedenen Schutzgebieten rund um den Mount Kenya. Auf weniger als 100 Tiere wird der Gesamtbestand geschätzt. Das Bergbongo ist eine der am stärksten bedrohten Tierarten Kenias. 

    Auch wenn die Aussichten düster erscheinen mögen, so ist die Rückführung der Bergbongos ein Neuanfang – und einer, der sehr erfolgversprechend ist. Nicht nur die kenianische Regierung steht hinter dem Projekt, es ist das gemeinsame Werk vieler Beteiligter. Von der lokalen Bevölkerung über die Regionalregierungen, verschiedenen ausgewiesenen Naturschutzpartnern wie das Lewa Wildlife Conservancy (LWC) und ihren internationalen Partnern bis hin zur Naturschutzbehörde Kenias ziehen alle an einem Strang und sind gewillt, das Bergbongo mit vereinten Kräften zu retten.

    Frachtmaschine mit 17 Bergbongos landet in Nairobi.
    Bergbongos werden entladen.
    Spezialkisten mit 17 Bergbongos in Kenia.

    Jubel und Freude in Kenia

    Und so ist es ein grosser Moment für die zahlreichen Involvierten, als nach einer über 13’000 Kilometer langen und rund 16 Stunden dauernden Reise 17 Bergbongos wohlbehalten und mitten in der Nacht auf dem Flughafen von Nairobi landen. Verladen auf LKW geht die Reise weiter in den Meru County, gelegen am Fusse des Mount Kenya, in die speziell für die Rückführung errichtete Wiederansiedlungsstation auf 2500 Metern Höhe. 

    Im ersten Tageslicht des nächsten Morgens ist der grosse Augenblick dann gekommen: Die 17 weitgereisten Bergbongos betreten zum ersten Mal kenianischen Boden.

    Ankunft Bergbongos im Wiederansiedlungszentrum.
    Bergbongo läuft aus Transportbox.

    «Die Rückkehr der Bergbongos ist ein grossartiger Erfolg für den Schutz unseres natürlichen Erbes», sagte Mike Watson, CEO der LWC. Die LWC ist im Rahmen des extra für die Rückführung gegründeten Meru Bongo and Rhino Conservation Trust (MBRCT) für die Errichtung und Verwaltung der Wiederansiedlungsstation verantwortlich. «Diese Tiere kehren in Wälder zurück, aus denen sie seit Jahrzehnten verschwunden waren», unterstreicht Watson die Bedeutung des Projekts.

    Der lange Weg zurück in die Wildnis

    Mit der erfolgreichen Rückführung ist der erste Schritt getan. Doch es ist erst der Anfang. Die zurückgekehrten Bergbongos stammen aus der ca.  20. Generation der Tiere, die in den 70er-Jahren aus Kenia ausgeführt wurden. Man könne sie daher nicht einfach in die Bergwälder entlassen, erklärt John Kinoti, Naturschutzbotschafter des Zoo Zürich und Präsident des MBRCT. «Dieses Projekt zeigt, die Wiederansiedlung von Tieren aus Menschenobhut in der Wildnis ist ein komplexes Unterfangen. Wir haben dafür ein spezielles Zentrum mit mehreren noch eingezäunten Bereichen geschaffen», erklärt Kinoti weiter. 

    Bongo-Paddock im Wiederansiedlungszentrum.

    Das Wiederansiedlungszentrum verfügt über mehrere eingezäunten Bereiche, in denen die Bergbongos Schritt für Schritt an die Wildnis gewöhnt werden. Ein Team vom Zoo Zürich war vor Ort. Foto: Zoo Zürich, Martin Bauert.

    Stabile Population aufbauen

    Im Wiederansiedlungszentrum wird in den nächsten Jahren mit den 17 Bergbongos aus Florida eine Zucht vor Ort in Kenia aufgebaut. Die nachfolgenden Generationen werden dann schrittweise an das Leben in der Wildnis gewöhnt und schlussendlich ganz in die Bergwälder Kenias entlassen, wo sie zusammen mit den verbliebenen Tieren eine stabile wildlebende Population bilden sollen. 

    Bergbongo – scheue Waldantilope

    Bergbongos sind eine Unterart des Flachland-Bongos und kommen ausschliesslich in den feuchten Bergwäldern des Mount Kenya vor. Typisch sind das rotbraune Fell mit weissen Streifen und die langen, spiralförmigen Hörner. Sie sind dämmerungs- bis nachtaktiv und scheu. Aufgrund ihrer heimlichen Lebensweise und der dichten Vegetation ihres Lebensraums sind sie in der Wildnis äusserst schwer zu beobachten. Die Waldantilopen leben meist in kleinen Gruppen von drei bis zehn Tieren, wobei Weibchen mit ihren Jungen zusammenbleiben und die Männchen eher einzelgängerisch sind. Sie ernähren sich hauptsächlich von Blättern, Sträuchern, Ranken und Rinde.

    Bergbongo des Wiederansiedlungsprojekt MBRT in Kenia

    Bergbongos leben sehr zurückgezogen in den Bergwäldern des Mount Kenya. Foto: Zoo Zürich, Martin Bauert.

    Mehrere Hürden zu bewältigen

    Die drei grössten Herausforderungen bei der Wiederansiedlung sind dabei Nahrung, Fressfeinde und Krankheiten. Die Blattfresser wurden bisher nur mit Futterpellets und Luzerne-Heu gefüttert, nun müssen sie sich wieder an die selbstständige Futtersuche im kenianischen Wald gewöhnen. Sowie auch an die dort lauernden Gefahren. 

    Der bedeutendste Fressfeind der Bergbongos ist der Leopard. Diesen als Gefahr wahrzunehmen und sich entsprechend zu verhalten, ist nur teilweise angeboren. Permanente Wachsamkeit und immer auf dem Sprung zu sein, ist etwas, was die Tiere wieder über mehrere Generationen hinweg erlernen müssen.

    Auch drohen in Afrika Krankheiten, gegen welche die Ursprungstiere noch immun waren – nicht jedoch die Neuankömmlinge. Deshalb wurden die 17 transferierten Tiere vorab bereits gegen eine bekannte Krankheit geimpft, die durch Zecken übertragen werden kann. Auch diese natürliche Immunabwehr muss über mehrere Generationen hinweg erst wieder aufgebaut werden. 

    Bergbongos im Wiederansiedlungszentrum.
    Bergbongos im Wiederansiedlungszentrum in Kenia.

    Engagement ist nachhaltig

    Es liegen also viele weitere Jahre Arbeit vor dem Team im Wiederansiedlungszentrum in Kenia. Die Rückführung der ersten 17 Tiere, die nun erfolgreich in ihrem ursprünglichen Lebensraum in Kenia angekommen sind, ist aber vielversprechend und ein grosser Erfolg für den Artenschutz. 

    Die Rückführung wurde massgeblich auch durch den Zoo Zürich ermöglicht. Dank der grosszügigen finanziellen Unterstützung der Erlenmeyer Stiftung sowie Geldern aus dem Naturschutzfonds des Zoos konnte im Februar der Grundstein für das Wiederansiedlungsprojekt der Bergbongos gelegt werden. Und der Zoo Zürich bleibt dran. Auch in Zukunft werden wir das Projekt im Rahmen unseres Naturschutzprojekts Lewa weiter unterstützen und die Entwicklung verfolgen.  

    Möchten auch Sie Teil dieser Erfolgsgeschichte zum Erhalt der Artenvielfalt in Kenia werden? Dann freuen wir uns über ihre Spende!

    Für das Naturschutzprojekt Lewa spenden.