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  • Sonnensittich in der Lori-Voliere

    Gefiederte Weltenreise

    Die Lori-Voliere des Zoos beherbergt neue Bewohner. Neben Balistaren sind Sonnensittiche eingezogen, die bislang für Zoogäste nicht sichtbar waren. Der Aufenthalt ist temporär, denn Tierumzüge verlaufen manchmal anders als geplant.

    Wer meint, ein Umzug sei kompliziert, hat noch nie versucht, einen Schwarm Papageien zu verschieben. Welche Komplexität dahintersteckt, zeigt sich derzeit in der Lori-Voliere im Zoo Zürich.

    Bis vor Kurzem lebten hier Allfarbloris, ein quirliger, kunterbunter Schwarm mit einer Lautstärke, die locker mit einer überzuckerten Kindergartengruppe mithalten konnte. Nun sind sie weitergezogen – nach Singapur. Ein internationaler Tiertransport klingt dabei fast wie ein exotischer Ferienflug. In Wahrheit ist es ein logistischer Kraftakt mit Gesundheitschecks, Quarantänebestimmungen, Zollpapieren und Flugrouten.

    Eigentlich sollte der nächste Akt ganz ähnlich aussehen: Ein Schwarm Scharlachbrustloris war vorgesehen. Für Laien unterscheiden sich diese kaum von ihren Vorgängern – rot, grün, blau, spektakulär bunt eben. Doch ihr Status macht sie besonders: Die Scharlachbrustloris sind bedroht. Hauptgründe dafür sind Lebensraumverlust durch Abholzung, illegale Fangaktionen für den Tierhandel und die zunehmende Fragmentierung ihrer Lebensräume. Kurz gesagt: Sie verschwinden langsam aus dem Wildbestand, und Zoos spielen eine wichtige Rolle, diese Art zu erhalten.

    Farbe, Leben, Lautstärke

    Doch hier kommt das Unerwartete ins Spiel – Brexit. Was für viele nach ferner Politik klingt, hat ganz konkrete Folgen für uns: Tiertransporte zwischen Grossbritannien und der EU sind deutlich komplizierter geworden. Neue Vorschriften, zusätzliche Kontrollen und bürokratische Hürden führen dazu, dass unsere zukünftigen Bewohner derzeit in einem britischen Zoo feststecken. Willkommen in der Welt, in der selbst Papageien von geopolitischen Entscheidungen betroffen sind.

    Und so kam es, dass unsere Lori-Voliere vorübergehend anders besetzt wurde – nicht minder spektakulär wie schützenswert. Eingezogen sind Sonnensittiche und Balistare.

    Sonnensittiche wirken wie kleine fliegende Sonnenuntergänge: leuchtend gelb, mit orangefarbenem Gesicht und grünen Flügelspitzen. Sie bringen Farbe, Leben und Lautstärke zurück in die neu eingerichtete Anlage. Ihre Zukunft liegt bei uns jedoch nicht in der Lori-Voliere: Perspektivisch ziehen sie ins Pantanal Feuchtgebiet des Zoos. Bisher lebten sie im Ornis, unserem nicht öffentlichen Zentrum für Artenschutz. Ihr neuer Zwischenstopp hat nun den Vorteil, dass unsere Gäste sie schon jetzt bestaunen können.

    Balistar Nachzucht

    Foto: Zoo Zürich, Enzo Franchini

    Fliegende Rarität

    Die Balistare hingegen sind eleganter und zurückhaltender. Schneeweiss, mit einem feinen Federkamm und markanten blauen Augenringen, wirken sie fast wie exotische Porzellanfiguren mit Puls. Ihre Herkunft – Bali – klingt paradiesisch, doch ihre Realität ist kritisch: Sie gehören zu den seltensten Vögeln überhaupt. Lebensraumverlust und Wilderei haben ihre Bestände dramatisch reduziert. Die Balistare sind unsere eignen Nachzuchten.

    So zeigt sich in einer einzigen Voliere ein ganzes Geflecht globaler Zusammenhänge: Artenschutz, internationale Kooperation, politische Entscheidungen und manchmal auch ein bisschen Improvisationstalent. 

    Artenvielfalt lässt sich nicht planen wie ein Fahrplan. Aber: man kann alles dafür tun, dass sie eine Zukunft hat.

    Zoodirektor Severin Dressen Porträt

    Zoodirektor Severin Dressen

    Nebenstehender Text erschien erstmals im Rahmen der Kolumne «Zoogeschichten» von Severin Dressen in der «Weltwoche».