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  • Hyazinthara in Nistkasten im Pantanal in Brasilien.

    Erstmals gesamter Schlupf wildlebender Hyazintharas gefilmt

    Es ist eine kleine Sensation, die den Forscher*innen des Instituto Arara Azul, einem der Naturschutzpartner des Zoo Zürich, im Pantanal Feuchtgebiet in Brasilien gelungen ist: Zum ersten Mal überhaupt konnten sie den gesamten Schlupf von gleich zwei Küken wildlebender Hyazintharas filmen. Was sich simpel anhört, ist tatsächlich sehr komplex und beruht auf jahrelanger intensiver Forschungsarbeit.

    Verblüfft und gleichzeitig voller Euphorie betrachten Kefany Ramalho, Fernanda Mussi Fontoura und Neiva Guedes die Aufnahmen, die vor ihnen über den Computerbildschirm flimmern. Sie haben es tatsächlich geschafft! Die fix installierten Kameras in Nest A und Nest B haben den gesamten und entscheidenden Moment festgehalten: den Schlupf je eines Kükens wildlebender Hyanzintharas. 

    «Wir haben so lange versucht, diesen Moment einzufangen. Es waren mehrere Anläufe und unzählige Tests mit unterschiedlicher Ausrüstung nötig. Ständig gab es Probleme. Und dann endlich ist uns die Aufnahme gelungen. Die Freude war immens und ansteckend im gesamten Team. Es war wunderbar, das Verhalten und die Feinfühligkeit des Weibchens während des gesamten Prozesses zu beobachten. Beim Vergleich der beiden Nester stellten wir fest, dass die Verhaltensweisen individuell sind und eine einzigartige Kommunikation zwischen dem Küken und seinen Eltern besteht. Solche Erkenntnisse sind fantastisch – einfach unglaublich!» 

    (Neiva Guedes, Leiterin Instituto Aara Azul)

    Auf dem Video sind verschiedene Abschnitte des Schlupfs zu sehen. Die Eltern assistieren dabei. Auch die Rufe des Kükens sind gut zu hören. Video: Instituto Arara Azul.

    Auf diesen Moment hatte das Team des Instituto Arara Azul lange hingearbeitet. Bereits 2002 starteten die Forscher*innen mit der Beobachtung der Aras mithilfe von Mikro-Kameras. Die Bildqualität damals war deutlich schlechter als heute, lieferte aber erste wichtige Erkenntnisse zum Verhalten der Tiere in Nistkästen. 

    Viele Jahre Vorarbeit

    2012 gelang es dem Team dann wissenschaftlich relevante Aufnahmen im Aussenbereich von künstlichen Nisthilfen sowie natürlichen Bruthöhlen in Baumstämmen zu machen. Diese halfen mit, ein besseres Verständnis für Auseinandersetzungen zwischen den Tieren über Brutplätze sowie generell über das Sozialverhalten der Aras zu gewinnen. Auch konnten dadurch verschiedene Nesträuber identifiziert werden.

    Sechs Jahre später gelang den Forscher*innen mithilfe von Infrarot-Kameras zu dokumentieren, welche Ereignisse innerhalb des Nests zum Verlust von Eiern führen. Und seit 2017 sind die Kamerafallen im Einsatz, die schliesslich die ersten wegweisenden und auswertbaren Aufzeichnungen eines vollständigen Schlupfvorgangs wildlebender Hyazintharas filmten.

    Zwei künstliche Nisthilfen mit und ohne Kameratechnik im Vergleich.
    Blick in den Bereich für den Kameratechnik im Nistkasten.

    Um diese Aufnahmen machen zu können, wurden spezielle Nistkästen entwickelt, in denen die notwendige Technik geschützt installiert werden konnte. Zudem musste diese für regelmässige Kontrollen zugänglich sein, ohne die brütenden Aras zu sehr zu stören.

    Ein weiteres Kriterium war es, einen Ort für die beiden Nistkästen zu finden, der sowohl für die Aras attraktiv ist, zeitgleich aber auch eine gute Beobachtung durch die Forscher*innen aus der Distanz zulässt. Eine Herausforderung. Doch der Aufwand hat sich gelohnt.

    Wartung des Nistkastens mit Kameratechnik.

    Foto: Instituto Arara Azul.

    Das gewonnene Filmmaterial ermöglicht dem Team nicht nur einen einzigartigen Einblick in die Natur, sondern auch auf einen Moment von entscheidender Bedeutung: Zu sehen ist nicht nur, wie sich die Küken aus dem Ei kämpfen, sondern auch, wie die Elterntiere beim Schlupf ihres Nachwuchses aktiv mithelfen. Mit ihrem massiven, wenig filigranen Schnabel brechen sie ganz behutsam und vorsichtig immer wieder kleine Teile der Schale weg und unterstützen so aktiv den Schlupfvorgang. Auch ziehen sie vorsichtig am Nestling, um ihn aus dem Ei zu befreien. 

    Schon der Embryo im Ei kommuniziert

    Die Aufnahmen faszinieren, weil sie zeigen, wie raffiniert und grossartig die Natur sein kann und wie scheinbar Unvorstellbares doch möglich ist. Auch lassen sich durch die Aufnahmen Erkenntnisse zur Dauer des Schlupfes und der Kommunikation der Tiere gewinnen, wie die Auswertung der Daten im Rahmen einer wissenschaftlichen Publikation nun zeigt. 

    Benötige das Küken in Nest A insgesamt 16 Stunden und 30 Minuten zum Schlüpfen, so waren es in Nest B nur 7 Stunden und 18 Minuten. Auf den Aufnahmen sind zudem rufende Töne der Küken zu hören – nach dem Schlupf als auch der sich noch im Ei befindlichen Embryonen. Für die Forscher*innen ein Hinweis darauf, dass der Nachwuchs versucht, die Eltern auf das anstehende Ereignis aufmerksam zu machen und sie animiert, zu helfen.

    Der Schlupfvorgang hat begonnen.
    Weibchen bricht Schalenteile weg.
    Die Eltern wechseln sich ab.

    Dieses Wissen trägt zu einem verbesserten Verständnis der Abläufe während der Brut, des Schlupfes und der Entwicklung der Küken der Hyazintharas bei. Die Aufnahmen sind somit ein weiteres wichtiges Puzzlesteinchen im Gesamtverständnis der bedrohten Art und werden helfen, Schutzmassnahmen weiter zu optimieren.

    «Diese Aufzeichnungen sind von grosser Bedeutung, nicht nur für die Art, sondern auch für die gesamte Biodiversität. Erkenntnisse über Schlupfmuster können weitere Forschungen zu bedrohten Papageienvögeln (Psittaciformes) erleichtern und voranbringen, insbesondere in ihren natürlichen Lebensräumen.» 
    (Fernanda Mussi Fontoura, Naturschutzbotschafterin Zoo Zürich, Pantanal)
    Hyazinthara an Nisthöhle im Pantanal.

    Foto: Instituto Arara Azul.

    Auf der Roten Liste der gefährdeten Arten ist der Hyazinthara als bedroht eingestuft. Schätzungsweise noch etwa 6500 Tiere existieren in der Wildnis. Eine der grössten Populationen des bis zu einem Meter langen und damit grössten aller Papageien lebt in der Region Caiman im Pantanal. 

    Zu schaffen macht den Vögeln vor allem der Verlust von Lebensraum. Für die Aufzucht ihrer Jungen sind die Aras auf Baumhöhlen angewiesen. Doch davon gibt es mittlerweile nur noch wenige, weshalb eine der wichtigsten Schutzmassnahmen das Bereitstellen und Überwachen von künstlichen Nisthöhlen ist.

    Hyazinthara im Pantanal in Brasilien.

    Foto: Instituto Arara Azul.

    Hyazintharas legen in der Regel zwei Eier, wovon aber meist nur ein Küken durchkommt. 2023 führte das Team vom Institutio Arara Azul einen Pilotversuch zum künstlichen Ausbrüten durch, um die Hyazinthara-Population zu unterstützen. Dabei wurde das zweite Ei künstlich ausgebrütet, die Küken wurden bis zu einem bestimmten Entwicklungsstadium aufgezogen und anschliessend in das Nest zurückgesetzt. Dies erhöhte die Überlebenschancen erheblich.

    Möglich sind all diese Massnahmen und Forschungstätigkeiten auch durch die anhaltende Unterstützung durch den Zoo Zürich. Seit nun fünf Jahren besteht die Naturschutzkooperation. Und mit jeder neuen Erkenntnis steigen die Chancen, dass der Hyazinthara auch in Zukunft der prägende Vogel des Pantanal sein wird.

    Hyazintharas im Pantanal in Brasilien.

    Hyazintharas sind sehr soziale Vögel. Foto: Instituto Arara Azul.