Bärenduo im Bergnebelwald
Bei den Brillenbären hat es Nachwuchs gegeben. Wann sie zur Welt gekommen sind, weshalb sie erst jetzt auf Erkundungstour gehen, was ihr Vater ihnen mitgegeben hat und was sie von ihrer Mutter lernen, berichten wir hier.
Seit Kurzem durchstreifen zwei junge Brillenbären mit ihrer Mutter den Sangay Bergnebenwald im Zoo Zürich. Der Vater der beiden stammt aus den USA. Seine Genetik und somit sein Nachwuchs sind für die Reservepopulation der bedrohten südamerikanischen Bärenart besonders wertvoll.
Drei Monate Wurfbox
Neugierig und vorsichtig zugleich erkunden die beiden Jungtiere ihren Lebensraum im Zoo Zürich. Jeder Baum, jeder Stein, jeder Busch – alles ist spannend. Allzu weit von ihrer Mutter entfernen sich die Jungen aber noch nicht. Das Trio hat die Wurfbox erst vor wenigen Tagen zum ersten Mal verlassen.
Brillenbären (Tremarctos ornatus) kommen blind, fast haarlos und völlig hilflos zur Welt. Bei der Geburt wiegen sie nur knapp 300–500 Gramm und sind nicht viel grösser als ein Meerschweinchen. Ihre Augen öffnen sie erst nach einigen Wochen.
Die ersten drei Monate verbrachte der Nachwuchs zusammen mit Mutter Rica gut geschützt in der Wurfbox im Hintergrund. Die Geburt selbst fand Ende Januar statt und verlief problemlos. Für die neunjährige Rica ist es der erste Nachwuchs.
Seit Kurzem erkunden zwei junge Brillenbären den Sangay Bergnebelwald im Zoo Zürich. Foto: Zoo Zürich, Tim Benz
Bedeutsam für den Arterhalt
«Die Geburt und bisher sehr gute Entwicklung der beiden Brillenbären freut uns sehr», sagt Zoodirektor Severin Dressen. Raymi, der Vater der beiden Jungtiere, kam vor zwei Jahren aus den USA in den Zoo Zürich. Er bringt eine Genetik mit, die im Europäischen Erhaltungszuchtprogramm bisher noch nicht vertreten war. Das ist wertvoll, wie Severin Dressen erklärt: «Genetische Vielfalt ist ein wichtiger Faktor für eine stabile Reservepopulation und somit für den Erhalt einer Art.»
Brillenbärenmännchen Raymi ist das Vater der beiden Jungtiere. Er bringt «frische» Gene in das europäisch koordinierte Erhaltungszuchtprogramm für diese Art. Foto: Zoo Zürich, Enzo Franchini.
WG mit Nasenbären
Anfang Mai untersuchte das Veterinärteam die beiden Jungtiere schliesslich zum ersten Mal, chippte sie und bestimmte das Geschlecht. Es handelt es sich um zwei Männchen. Sie lernen in den nächsten zwei Jahren von ihrer Mutter nun alles, was ein Brillenbär können muss – vom sicheren Erklimmen eines Baumes bis hin zur Futtersuche.
Ihren Lebensraum im Zoo teilen sich die Brillenbären mit den Weissrüssel-Nasenbären (Nasua narica). Wie in fast all seinen Lebensräumen setzt der Zoo Zürich auch im Sangay Bergnebenwald auf die für die Tiere bereichernde Gemeinschaftshaltung.
Im Zoo Zürich teilen sich die Brillenbären den Lebensraum mit Weissrüssel-Nasenbären (im Bild). Foto: Zoo Zürich, Enzo Franchini
Auf Bäumen zuhause
Brillenbären sind die einzigen Grossbären Südamerikas. Sie bewohnen die Berg- und Nebelwälder der Anden und Gras- und Buschlandschaften der Hochanden. Ihr Lebensraum erstreckt sich von Venezuela bis nach Bolivien.
Brillenbären sind exzellente Kletterer und perfekt an das Leben in Bäumen angepasst. Sie haben kräftige Vorderbeine und grosse, gebogene Krallen – das bietet Halt. Von Vorteil ist auch, dass sie im Vergleich zu anderen Grossbärenarten eher leicht sind.
Hoch hinaus: Brillenbären sind hervorragende Kletterer. Foto: Zoo Zürich, Tim Benz
Kräftige Vorderbeine und grosse, gebogene Krallen bieten den Bären Halt im Geäst. Foto: Zoo Zürich, Tim Benz
Zerschnittener Lebensraum
Brillenbären gelten als bedroht. Die Art ist auf intakte und grossräumige Waldflächen angewiesen. Diese nehmen jedoch ab, vor allem wegen Rodungen für die Vieh- und Landwirtschaft sowie den Strassen- und Siedlungsbau. Die Rodungen zerteilen Waldstücke und isolieren so Populationen voneinander. Der genetische Austausch nimmt ab und die Bären finden weniger gut Nahrung. Zudem führt der Kontakt mit Menschen zu Konflikten.
Auch die Nutzung von Teilen der Tiere für die traditionelle Medizin ist ein Problem. Das Gleiche gilt für den Handel – vor allem mit Jungtieren – für den illegalen Heimtiermarkt. Weil Brillenbären eine eher tiefe Reproduktionsrate haben (meist nur ein bis zwei Jungtiere in mehreren Jahren) kann die Art die Verluste kaum ausgleichen.
Der noch existierende Wildbestand wird auf weniger als 25'000 Tiere geschätzt.
Die jungen Brillenbären lernen in den nächsten zwei Jahren alles Wichtige von ihrer Mutter. Foto: Zoo Zürich, Tim Benz