Aufgetaucht im Regenwald
Der Masoala Regenwald fasziniert – auch wenn grosse und ikonische Tierarten fehlen. Hier sind die kleinen und eher unscheinbaren Bewohner die Stars. Dazu gesellt sich nun auch die Europäische Moorente. Und sie hat eine ganz besondere Rolle inne.
Wenn wir unsere Gäste fragen, welches ihr Lieblingsort im Zoo ist, dann heisst es sehr häufig: Der Masoala Regenwald. Das ist insofern erstaunlich, weil der Regenwald per se zwar eindrücklich ist, dort aber keine ikonischen Tierarten leben. Am auffälligsten sind neben den Roten Varis, die man vor allem hört und weniger sieht, die Aldabra-Riesenschildkröten. Sie sind zwar gross, gelten aber im klassischen Sinne nicht gerade als besonders aufregend. Daneben gibt es verschiedene kleinere, oft gut versteckte Tierarten sowie meist gut sichtbare, «langweilige» braune Enten. Nicht gerade der Cast für einen spektakulären Hollywood-Blockbuster.
Qualitäten eines Geheimagenten
Und erst kürzlich ist eine weitere «langweilige» braune Entenart dazugekommen: die Moorente (Aythya nyroca). Diese europäische Art lebt nicht in Mooren, sondern in sumpfigen, eher trüben Gewässern mit viel Vegetation – moorähnlich also. Als kleinste aller Tauchenten ist sie eine ausgezeichnete Taucherin. Mithilfe feiner Sinnesrezeptoren am Schnabel kann sie selbst im undurchsichtigsten Wasser gezielt Wasserpflanzen, Samen und wirbellose Organismen lokalisieren. Das könnte sie immerhin für die Rolle des nächsten James Bond qualifizieren. Die ist bekanntlich noch zu vergeben. Allerdings hätte ihre nahe Verwandte, die Madagaskar-Moorente (Aythya innotata), beim Casting vermutlich die besseren Chancen. Ihre extreme Seltenheit verleiht ihr – zumindest in der Logik der Medien – mehr Starpotenzial.
Die Europäische Moorente sieht ihrer madagassischen Verwandten zum Verwechseln ähnlich. Foto: Zoo Zürich, Tim Benz.
Auch bei uns im Regenwald übernimmt Aythya nyroca sozusagen deren Double-Rolle. Beide Arten sehen sich sehr ähnlich und sind auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden. Gefährdet sind beide. Die Madagaskar-Moorente galt zeitweise sogar als ausgestorben. Überraschend wurden 2006 dann wenige Tiere auf einem eher ungeeigneten und weit vom ursprünglichen Verbreitungsgebiet entfernten See auf Madagaskar wiederentdeckt. Durch Wiederansiedlungen konnte die Art auf fast 70 Tiere erhöht werden. Aktuell wird die Art ausschliesslich in einem Zuchtprogramm auf Madagaskar erhalten. Doch auch «unsere» europäische Moorente sollte nicht unbeachtet bleiben. Aktuell ist sie glücklicherweise noch weiterverbreitet als ihre madegassische Verwandte. Aber auch sie kämpft ums langfristige Überleben. In Ost- und Südeuropa existieren noch grössere Bestände von 200'000 Tieren. In der Schweiz hingegen ist sie weitgehend verschwunden und gilt als stark bedroht.
Doppelte Aufmerksamkeit
Doppelte Aufmerksamkeit Mit der neuen «langweiligen» braunen Ente lenken wir den Blick also auf gleich zwei Arten, die dringend mehr Aufmerksamkeit verdienen. Das machen wir vielleicht nicht mithilfe eines spannungsgeladenen Actionthrillers, aber langweilig ist der Masoala Regenwald offensichtlich nicht. Sein Geheimnis liegt im Abenteuer-Gefühl, das unsere Gäste beim Betreten erfasst. Unweigerlich wird jeder Zoogast selbst zum Indiana Jones – und freut sich über jede tierische Entdeckung. Selbst dann, wenn es «nur» eine braune Ente ist.