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Tierärztin kontrolliert Galapagos-Riesenschildkröte im Zoo Zürich

Auf Visite im Zoo Zürich

Zootierärztin Sandra Wenger behandelt die Zootiere, wenn es juckt, schmerzt und blutet. Ihr Spezialgebiet ist die Narkose – ein Job so gar nicht zum Einschlafen.

Sandra Wenger wusste schon immer, dass sie Tierärztin werden wollte. «Jedes Mal wenn ich die Gelegenheit zum ‹Schnuppern› hatte, bin ich zum Tierarzt gegangen, nie woanders hin», sagt die 43-Jährige mit einem Schmunzeln. An Patienten wie Zebras, Elefanten und Löwen dachte sie damals allerdings noch nicht. Das Interesse für die «Exoten» kam erst später dazu, während ihres Tiermedizinstudiums an der Uni Bern. Ein zweimonatiger Auslandaufenthalt führte die Studentin nach Australien und brachte sie dort in den Kontakt mit Tieren wie Koalas und Kängurus. Sandra war fasziniert – und ist es heute noch. «Die Arbeit mit Wild- und Zootieren ist unglaublich vielfältig und abwechslungsreich. Das macht es extrem spannend, aber natürlich auch herausfordernd.» Herausfordernd deshalb, weil für die medizinische Behandlung exotischer Tiere nur einen Bruchteil der Literatur vorhanden ist, wie sie für Heim- und Nutztiere wie Hund, Katze, Pferd und Kuh existiert. «Zootierärzte müssen vieles ausprobieren und herausfinden», sagt Sandra. Etwas, das sie gern macht.

Nach dem Studium arbeitete sie zunächst ein Jahr lang in Singapur im Jurong Bird Park. Danach war sie sieben Jahre lang am Tierspital Bern tätig, in der Kleintierklinik. Das Interesse für die Exoten erlosch trotzdem nicht, im Gegenteil: Nach dem Abschluss ihrer Tätigkeit am Tierspital reiste sie nach England und bildete sich dort in den Zoos von London und Bristol in der Zootiermedizin weiter. Zurück in der Schweiz kam sie schliesslich als Oberärztin ans Tierspital Zürich, in die Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere – und damit in den Zoo Zürich.

Elektrische Fische, entspannte Tapire

«Eines der eindrücklichsten Erlebnisse bisher war sicher die Operation des Zitteraals. Einen 18 Kilogramm schweren ‹Elektro›-Fisch einzufangen, in Narkose zu legen und ihm dann – in isolierenden Gummihosen und überwacht vom Elektriker – eine lange Schraube aus dem Bauch zu holen, das ist schon ein ungewöhnliches Ereignis», sagt die Zootierärztin. Eines auch, das nur Dank der guten Zusammenarbeit mit den Tierpflegern und Kuratoren funktioniert hat – ein Punkt, den Sandra auch sonst betont und lobt. Dass der Zitteraal heute fit ist und er die schwierige Operation mit unsicherem Ausgang gut überstanden hat, ist für die Tierärztin das Tüpfelchen auf dem i. Denn nicht immer kann sie einem Tier helfen. «Das sind dann die traurigen Seiten der Arbeit. Wenn man ein Tier einschläfern muss, weil nichts Anderes mehr nützt. Oder wenn man einen Patienten lange begleitet hat und er am Ende trotzdem stirbt. Das berührt einen schon.»

Besonders gern ist Sandra bei den Seehunden, «weil sie so gut mitmachen und einfach sympathisch sind». Auch die Menschenaffen seien spannende Patienten, weil sie sich sehr gut ausdrücken könnten – anders als etwa ein Vogel, der Schmerzen möglichst versteckt, um nicht schwach zu wirken. «Die Tapire sind auch ganz toll. Wenn man ihnen das Fell krault, legen sie sich hin und kann man sie untersuchen, ohne dass sie ein Beruhigungsmittel oder eine Narkose brauchen, so sehr mögen sie die Streicheleinheiten», lacht Sandra. Dabei ist die Anästhesie doch eigentlich ihr Fachgebiet. Die Untersuchung und Behandlung von Wild- und Zootieren ist oft nur mit einer Narkose möglich. Sandra verfügt über eine Spezialausbildung in diesem Bereich und ist auch immer wieder an Forschungsarbeiten beteiligt. «Eine Narkose ist dann gut, wenn das Tier während der Behandlung stabil schläft, danach aber schnell wieder wach und fit ist», erklärt die Spezialistin. «Früher war ein Tiger nach einer Narkose einen Tag lang ‹groggy›. Heute ist das Tier nach einer halben Stunde wieder so gut auf den Beinen, dass es in die Gruppe zurückkehren kann.» Dieser Fortschritt ist auch Sandras Forschungsarbeit zu verdanken. Sie testete ein bei Hunden erfolgreich eingesetztes Mittel bei einem Projekt in Südafrika an Löwen. «Der Moment, wo man zum Löwen hingeht, um zu schauen, ob er wirklich schläft – das ist dann schon mit einem gewissen Nervenkitzel verbunden», sagt sie und schmunzelt. Ihr Einsatz hat sich indes gelohnt: Das Mittel wird heute erfolgreich bei Löwen, Tigern und Schneeleoparden eingesetzt.

Entrüstete Kapuziner

Dass man sich als Tierärztin bei den Patienten manchmal auch unbeliebt macht, hat Sandra bei den Gelbburstkapuzinern erfahren. «Ich musste ein Tier wegen Diabetes über längere Zeit behandeln und konnte es am Ende trotzdem nicht retten. Das hat mir die Gruppe nie verziehen.» Geht Sandra an der Kapuzineranlage vorbei, kommen alle Tiere zusammen und keifen sie an. «Als ich einmal mit meiner Schwester vor der Anlage stand, steigerte sich die Empörung fast ins Grenzenlose. Meine Schwester sieht mir sehr ähnlich und die Kapuziner dachten wohl, ich sei nun auch noch geklont worden.»

Nun bleibt Sandra noch ein Jahr am Tierspital und im Zoo. Dann heisst es für sie Abschied zu nehmen, denn ihre Stelle als Oberärztin ist auf neun Jahre begrenzt. Es ist ein Abschied, der schmerzt. «Es ist schon eine Traumstelle, die ich jetzt habe», sagt Sandra. Auch verglichen mit den anderen Zoos, in denen sie schon tätig war, sei die Arbeit für den Zoo Zürich einfach «besonders schön». Auf ihre neue Stelle in einer Kleintierpraxis in Bern freut sich Sandra trotzdem. «Das Schöne an der Arbeit mit Katzen und Hunden ist, dass man sie auch mal knuddeln kann und mehr Nähe zum Tier hat. Bei den Wildtieren hier im Zoo ist man – logischerweise – meistens auf Distanz.»