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Westlicher Flachlandgorilla N'Gola im Zoo Zürich.

Auch ein grauer Rücken kann entzücken

Dr. Robert Zingg, das zoologische Gewissen des Zoo Zürich, geht in Pension und blickt zurück. Hier erzählt er die Geschichte des Silberrückens mit weichem Kern.

Robert Zingg und die Gorillas.
Copyright: Zoo Zürich, Dominik Ryser

Der Grössenunterschied zwischen weiblichen und männlichen Gorillas ist beachtlich, erreichen doch die Männchen mit 200 bis 250 Kilogramm ein bis zu dreifach höheres Gewicht als Weibchen. Dies deutet darauf hin, dass die Geschlechter unterschiedliche «Jobs» haben. Im Zentrum einer Gorilla-Gruppe steht ein erwachsenes Männchen, ein Silberrücken. Sein Job ist es, die Gruppe zusammenzuhalten, andere Männchen abzuwehren, bei Konflikten unter Gruppenmitgliedern einzugreifen. Er braucht Sozialkompetenz, aber Kinderbetreuung ist nicht seine Sache. Er fordert von seiner Gruppe Respekt ein. Sein Blick ist – zumindest für uns – immer finster. Gorilla-Männchen begehen zuweilen, wenn sie neu eine Gruppe übernehmen, Infantizid, um ihren Fortpflanzungserfolg zu optimieren. Dieses «Jobprofil» lässt aber andere Seiten der Männchen ausser Acht, die durchaus auch auf einen «weichen Kern» schliessen lassen, zumindest bei unserem Silberrücken N’Gola. Drei Beispiele aus meiner Erinnerung, die den Umgang mit Jungtieren illustrieren, sollen das belegen.

2002 verstarb das Gorillaweibchen Sandra überraschend an den Folgen eines Befalls mit dem Fuchsbandwurm. Zu diesem Zeitpunkt war ihr Sohn Azizi gerade mal zwei Jahre alt. Wir entschieden uns, Azizi trotz der für ihn schwierigen Situation in der vertrauten Umgebung der Gruppe zu belassen. Er fand schon bald ein «Agreement» mit N’Gola, der es zuliess, dass sich Azizi in seiner Nähe aufhalten konnte und so einen Schutz- und Ruheraum erhielt. So unterstützt wuchs er in der Gruppe auf.

Die folgende Begebenheit kann ich zeitlich nicht mehr einordnen. N’Gola lag bäuchlings auf dem Boden. Ganz in der Nähe sass ein Gorilla-Weibchen mit ihrem Jungtier, das eben begonnen hatte, herumzukrabbeln. Da kroch das Jungtier direkt auf N’Gola zu. Als es in seiner Reichweite angelangt war, hob er es sachte auf und legte es in seine grosse Hand. Er lag nun bäuchlings da, in der auf dem Ellbogen abgestützten Hand das Jungtier, und schaute diesem aus kurzer Distanz in die Augen. Dann legte er den kleinen Gorilla ruhig wieder auf den Boden ab, und dieser krabbelte zurück zu seiner Mutter.

Gegen Ende 2013 erholte sich N’Gola zusehends von gesundheitlichen Problemen. Bis anhin hatte er sich nur marginal um Jungtiere gekümmert und sich nur vereinzelt in das Spiel der Halbwüchsigen einbeziehen lassen. Doch nun beschäftigte er sich über eine gewisse Zeit intensiver mit seiner jüngsten, 2012 geborenen Tochter Mahiri, und dies in einer für Männchen sehr ungewöhnlichen Art. Er trug sie in Weibchenmanier auf seinem Rücken herum, sie durfte sich an seinem Futter bedienen und auf ihm herum klettern. Sie ruhte sich sogar auf seinem Körper aus. In dieser Phase genoss auch Mahiris Mutter, N’Yokumi, die besondere Aufmerksamkeit von N’Gola. Wurde die Gorillagruppe in den Hintergrundbereich gerufen und folgten N’Yokumi und Mahiri dieser Aufforderung nicht, ging N’Gola wieder in die Innenanlage und holte die beiden.

Vielleicht würde N’Gola ob solcher Begebenheiten in einem Assessment auch beschieden – wie einst mir – er habe zu wenig männliche Härte … (ein Manko, mit dem ich gut zurechtgekommen bin).

N’Gola mute ich auch einen gewissen Schalk zu. Bei früheren Besuchen hinter den Kulissen erhielt ich meist ein paar Nüsse, um mich als unregelmässiger Gast mit N’Gola gut zu stellen, so quasi ein Obolus für sein Wohlwollen. Nuss für Nuss nahm er jeweils sorgfältig mit seinen Lippen in Empfang. Reichte ich ihm die letzte Nuss, so machte er mit dem ganzen Körper eine schnelle, ruckartige Bewegung in meine Richtung. Ich erschrak jedes Mal, obgleich ich sein Spielchen kannte. Ich bilde mir ein, dass meine Reaktion ihm Spass bereitete.

Westlicher Flachlandgorilla N'Gola im Zoo Zürich.

Harte Schale, weicher Kern: Silberrücken N'Gola ist mehr als nur ein Macho.
Copyright: Zoo Zürich, Enzo Franchini