Direkt zum Inhalt
  • Nacktmulle in der Gemeinschaftskammer im Zoo Zürich.

    Medien-Apéro Januar: Kuscheln gegen Kälte

    Sie werden oft als die hässlichsten Tiere der Welt bezeichnet. Tatsächlich sind Nacktmulle faszinierend wie kaum eine andere Tierart. Sie sind Säugetiere, aber wechselwarm wie Amphibien. Ihre Körpertemperatur können sie nicht selbst regulieren. Wird es im Winter zu kalt, kuscheln sie sich zusammen. Und wenn das nicht reicht, opfert sich ein Nacktmull als Heizkissen. Heisst: Das Tier sprintet durch die Gänge, heizt seine Körpertemperatur auf und kuschelt sich wieder in die Gruppe. Eben als lebende Wärmflasche.

    Bei uns im Zoo stehen den Nacktmullen konstante Temperaturen zwischen 25° und 32° Celsius zur Verfügung. Frieren müssen die Tiere nie. Auskühlen können sie trotzdem. Und so lässt sich die Kuschelvorliebe der Tiere auch im Zoo beobachten: Dicht gedrängt, teils übereinandergestapelt liegt ein rosaroter Haufen Nacktmulle in der Gemeinschaftsbox. Hier sind es derzeit gemütliche 28° Celsius. Manchmal kuscheln nur fünf Tiere, in Spitzenzeiten auch mal 25. «Wir haben schon Hinweise von aufgeregten und besorgten Besucher*innen erhalten, die Nacktmulle seien alle tot. Wir beruhigen dann jeweils und erklären ihnen, dass die Tiere einfach gerne kuscheln, auch in Massen und sich dann halt teilweise nicht mehr viel bewegen.», erklärt Tierpfleger Marco Brunner.

    SKURRIL UND EINZIGARTIG

    Das liegt auch daran, dass die Nacktmulle so eng zusammengekuschelt kaum noch Luft bekommen. Sie sterben aber nicht. Nacktmulle können bis zu 18 Minuten ganz ohne Sauerstoff überleben, wie Forschende herausfanden. Dazu verringern die Tiere ihren Herzschlag, verfallen in eine Art Schockstarre und stellen ihren Stoffwechsel um, der dann mit weniger Sauerstoff auskommt – eine einmalige Fähigkeit unter Säugetieren. Ist wieder mehr Sauerstoff verfügbar, kommt auch der Kreislauf wieder in Schwung. Diese spezielle Fähigkeit ermöglicht es ihnen auch in unterirdischen, mehrere Kilometer langen Höhlensystemen zu leben, in denen der CO2-Gehalt eine für Menschen tödliche Konzentration erreichen kann. 

    Kuscheln ist für Nacktmulle aus mehreren Gründen wichtig. Zum einen sind sie zwar Säugetiere, anders als üblich bei Säugetieren, aber wechselwarm. Sie können ihre Körpertemperatur nicht selbst regulieren. Zum Vergleich: Gleichwarme Tiere können ihre Körperkerntemperatur unabhängig von der Umgebungstemperatur auf einem konstanten Wert halten. Der Nacktmull hat aber weder ein Fell noch eine isolierende Fettschicht und auch keine für Kühlung sorgenden Schweissdrüsen unter der Haut – wichtige Hilfsmittel zur Körpertemperaturregulierung. Weil diese fehlen, variiert der Nacktmull seine Körpertemperatur und kann sie einer Umgebungstemperatur zwischen 12° und 37° Celsius anpassen. Wird es ihm zu kühl, kuschelt er. Sollte trotz Kuscheln der ganze Nacktmull-Kuschelhaufen zu sehr auskühlen, wird ein Nacktmull zur lebenden Wärmeflasche. Einmal durch die Gänge sprinten, aufheizen und zurück in den Pulk. 

    LEBEN WIE IM INSEKTENSTAAT

    Nacktmulle sind sehr soziale Tiere, deren Zusammenleben als Staat mit einer Königin als Oberhaupt organisiert ist. Jedes Tier hat eine bestimmte Funktion und weiss genau, was es zu tun hat. Ähnlich wie in einem Bienenvolk. Es gibt Wächter, Ammen, Arbeiter, die Gänge graben oder auch Nahrungsbeschaffer. Auf sich allein gestellt, würde ein Nacktmull sterben. Berührungen sind für die Tiere überlebenswichtig. Zudem dienen sie der Orientierung. Ganz nackt ist ein Nacktmull nämlich nicht. Auf seiner Haut befinden sich kleine Tasthaare. Damit können die Tiere ihre Umgebung quasi erfühlen – denn sie sind fast vollständig blind. 

    Der Nacktmull-Staat im Zoo Zürich umfasst derzeit 35 Tiere. Nachwuchs der Königin gab es zuletzt vor fünf Monaten. Ein Wurf umfasst bis zu 28 Jungtiere. Weil es im Tunnelsystem nur bedingt Platz gibt, ist die Königin länger als ihre Artgenossen. Forschende nennen das «Schulbus-System». Die Babys sind im Körper nacheinander angeordnet, wie in einem Schulbus. Diese Körperform nimmt ein Nacktmull-Weibchen allerdings erst an, wenn es zur Königin mutiert. Alle Königinnen waren einst Arbeiterinnen.

    GUTE ORGANISATION IST ALLES

    Der Bau der Nacktmulle im Zoo ist wie in der Natur auch streng organisiert. Es gibt eine Latrine – übrigens immer eine Sackgasse, um Durchgangsverkehr zu vermeiden – eine Futterkammer, einen Materialraum und mehrere Gemeinschaftskammern. Ebenfalls wie in der Natur variieren die Temperaturen in den verschiedenen Kammern, so dass die Tiere je nach Bedarf wählen können. 

    Auf dem Speiseplan der Nager stehen mehrheitlich Wurzeln, die sie von unten anknabbern, dabei aber immer nur so weit schädigen, dass die Pflanze nicht vollständig abstirbt. Vegetarier sind Nacktmulle aber nicht, eher Flexitarier. Ergibt sich die Gelegenheit für ein paar Extra-Proteine, beispielsweise weil sich ein Insekt im Höhlensystem verirrt hat, greifen sie gerne zu. Zudem trinken Nacktmulle nicht. Ihren Flüssigkeitsbedarf decken sie ausschliesslich über die Nahrung. 

    SUPERHELDEN DER EVOLUTION

    Als Tiere, die auf Wärme angewiesen sind, kommen Nacktmulle vor allem in den trockenen Halbwüsten Ostafrikas vor. Ihr Vorkommen erstreckt sich über weite Teile Somalias, Teile von Äthiopien und den Norden und Osten Kenias. Dort können die unterirdischen Kolonien bis zu 300 Tiere zählen. Nacktmulle können vorwärts wie rückwärts gleichschnell laufen. Ihre riesigen Zähne nutzen sie als Grabwerkzeuge, ihre Lippen dahinter können sie beim Graben verschliessen. Zudem sind sie wahre Superhelden der Evolution. Als Nager können sie ein geradezu biblisches Alter von bis zu 30 Jahren erreichen, sie erkranken quasi nie an Krebs und altern kaum. Das macht sie auch für die Forschung sehr interessant.

    Der Nacktmull zählt ohne Frage zu den skurrilsten Bewohnern des Zoo Zürich. Runzlig, faltig, nackt und geformt wie eine Wurst, wird er – zumindest aus menschlicher Perspektive – nie einen Schönheitspreis gewinnen. Doch schlussendlich kann ihm das egal sein, er fasziniert auf andere Art und Weise.

    VIDEOS

    Das Video ist unter Quellenangabe zur redaktionellen Berichterstattung über den Zoo Zürich freigegeben.

    Videos herunterladen

    Video: Nacktmulle im Zoo Zürich (mit Untertitel)

    Copyright: Zoo Zürich, Nicole Schnyder

    Video: Nacktmulle im Zoo Zürich (ohne Untertitel)

    Copyright: Zoo Zürich, Nicole Schnyder

    BILDER

    Bilder sind unter Quellenangabe zur redaktionellen Berichterstattung über den Zoo Zürich freigegeben.

    Bilder herunterladen

    Nacktmulle in der Gemeinschaftskammer im Zoo Zürich.