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Seehund Pila beim medizinischen Training im Zoo Zürich.
Tierarztbesuch bei den Seehunden im Zoo Zürich.
Medizinisches Training bei den Seehunden im Zoo Zürich.
Seehunde im Zoo Zürich.
Seehund beim Schwimmen im Zoo Zürich.

Medien-Apéro August: Seehund

Gesundheitsvorsorge dank Vertrauensbasis: medizinisches Training bei den Seehunden, auch im hohen Alter.

Robben haben sich aus Landraubtieren zu äusserst agilen Wasserbewohnern entwickelt. Ihre Körper sind stromlinienförmig, die Extremitäten zu Paddeln umgestaltet. Die Variationsbreite in der Grösse lässt sich am Gewicht veranschaulichen: Die kleinsten Formen, weibliche Seebären, wiegen 25 Kilogramm, die grössten, männliche Seeelefanten, bringen bis zu über 4 Tonnen auf die Waage.

Der Seehund gehört zur Familie der Hundsrobben. Hundsrobben haben keine äusseren Ohrmuscheln. Ihre Gliedmassen sind kurz, die hinteren zudem nach Hinten gerichtet. Sie können nicht unter den Körper gestellt werden. An Land ist deshalb kein vierfüssiges Laufen möglich, und so erfolgt die Fortbewegung durch «robben». Im Gegensatz dazu hat die Familie der Ohrenrobben, zu der etwa der Kalifornische Seelöwe gehört, Ohrmuscheln und die Fähigkeit, auf allen Vieren hopsend zu laufen und zu klettern.

Einen ersten Seehund zeigte der Zoo Zürich 1953/54. 1964, nach dem durch eine Infektion verursachten Tod von sechs Königspinguinen innert Monatsfrist, kam die Tierart erneut in den Tierbestand und wird seither ununterbrochen im Zoo Zürich gehalten. 1979 wurde die noch heute genutzte Anlage in Betrieb genommen.

Weibliche Seehunde erreichen eine Körperlänge von 120 bis 170 Zentimetern und ein Gewicht von 80 bis 120 Kilogramm. Männchen werden etwas grösser und schwerer – bis 190 Zentimeter und 140 Kilogramm. Obschon Seehunde bis in 800 Meter Tiefe tauchen können, liegt ihr bevorzugter Aufenthaltsbereich in relativ seichten Küstengewässern. Als Ruheplätze nutzen sie insbesondere Sandbänke.

Fellwechsel im Mutterleib

Zwischen Mai und Juli kommen die Jungtiere zur Welt. Mit einer Körperlänge von 75 bis 100 Zentimetern und einem Geburtsgewicht von 8 bis 12 Kilogramm haben sie bereits eine beachtliche Grösse. Das erste cremefarbene Haarkleid der Jungtiere ist noch nicht wassertauglich. Hier entsteht ein Konflikt: Würde die Mutter stets beim Jungtier bleiben wollen, wäre ihr bei Ebbe der Fluchtweg ins Wasser verwehrt. Das Jungtier alleine an Land zurücklassen wiederum stellt für den Nachwuchs ein zu hohes Risiko dar.

Die Lösung: Die Jungtiere vollziehen noch in der Plazenta den ersten Haarwechsel und tauschen ihr erstes, Lanugo genanntes Haarkleid gegen ein wassertaugliches Haarkleid ein. Damit können sie ihrer Mutter gleich nach der Geburt ins Wasser nachfolgen.

Die Jungtiere werden 3 bis 4 Wochen mit einer Milch gesäugt, die einen Fettanteil von 45 Prozent enthält. Anschliessend müssen die Jungen selbständig auf Futtersuche gehen. Die Paarungszeit schliesst sich an die Entwöhnung der Jungtiere an. Die befruchtete Eizelle legt zunächst eine Keimruhe ein, die eigentliche Tragzeit dauert etwa acht Monate. Die Geschlechtsreife erlangen die Tiere mit drei bis sechs (Weibchen), resp. fünf bis sieben Jahren (Männchen)..

Training ohne Druck und Strafe

Seehunde sind für den Tierarzt fürs Erste keine einfachen Pfleglinge. Will man sie näher untersuchen, kann man sie nicht einfach festhalten. Auch Narkosen sind risikoreich, da unter der Haut eine dicke Fettschicht liegt, die der Regulierung des Wärmehaushalts dient. Diese Fettschicht erschwert eine kontrollierte Dosierung des Narkosemittels.

Seehunde – Robben generell – sind spielerisch veranlagt, neugierig und interessiert. Diese Eigenschaften lassen sich gezielt nutzen, um erwünschtes Verhalten zu fördern. Die Ausgangslage bilden ein Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Tier, eine gemeinsame «Sprache» sowie eine positiv verstärkende Belohnung. Die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier beruht dabei auf Freiwilligkeit, ohne Druck und Strafe.

Als «Futterlieferant» spielt der Tierpfleger in der Umwelt des Seehundes eine wichtige Rolle, ihm gilt die volle Aufmerksamkeit. Die gemeinsame «Sprache» ist ein Signalton einer Pfeife oder eines Klickers, mit dem der Tierpfleger oder Tiertrainer ein erwünschtes Verhalten quittiert und mit einem positiven Reiz – sprich Futter – belohnt. Hat das Tier die Verknüpfung von Verhalten und Signalton verstanden, lassen sich damit bestimmte Verhaltensweisen gezielt in eine gewünschte Richtung lenken und trainieren.

Üben für den Ernstfall

Was bei der täglich stattfindenden Seehundfütterung leichthin als kleine Show verstanden werden kann, hat eine tiefere Bedeutung: Die Arbeit mit den Seehunden unter Einbezug verschiedener Spielgeräte schafft ein Vertrauensverhältnis zwischen Pfleger und Tier und erlaubt eine Nähe, die quasi spielerisch eine Inspektion und allenfalls Behandlung des Tieres zulässt. Ziel ist es, den Seehund am ganzen Körper ohne Abwehrverhalten berühren und ihn auf eine Waage oder in eine Kiste lotsen zu können. Eines der Spielgeräte ist beispielsweise einem mobilen Röntgengerät nachempfunden. Sollte ein richtiges zum Einsatz kommen, sind die Seehunde schon darauf vorbereitet und mit der Situation vertraut.

Einer der ältesten Seehunde

Drei Seehunde tummeln sich in der Anlage im Zoo Zürich. Das jüngste Tier ist das Weibchen Pila. Sie wurde 2015 im Neunkircher Zoo im Saarland geboren und kam noch im gleichen Jahr nach Zürich. Das Männchen Inuit – an der Grösse erkennbar – kam 2008 im Zoo Zürich zur Welt.

Das dritte Tier ist die «grand old lady» Farah. Sie wurde 1978 in einem englischen Park geboren und kam 1979 zur Eröffnung der neuen Seehundanlage nach Zürich. Farah wurde im vergangenen Juni vierzig Jahre alt, was für Seehunde ein respektables Alter darstellt. In der Alterspyramide, die in der internationalen Zootierdatenbank abgerufen werden kann, ist nur ein einziges älteres Tier aufgeführt. Farah befindet sich derzeit im jährlichen Fellwechsel, gut erkennbar am struppigen Fell. Aus diesem Grund frisst sie derzeit weniger als sonst und ist beim Training auch weniger am Futter interessiert.

Ob jung oder alt, alle Seehunde werden ins tägliche Training miteinbezogen. Damit wird die Grundlage geschaffen, dass die Tiere regelmässig stressfrei kontrolliert und medizinisch versorgt werden können. So können kleinere Verletzungen desinfiziert oder Augentropfen problemlos verabreicht werden. Zudem werden die Tiere über das mit der Fütterung verbundene Training in verschiedenen Fähigkeiten gefordert, erhalten Abwechslung und Beschäftigung. Und wenn man sieht, mit welcher Spannung und Bereitschaft die Seehunde das Training mitmachen, dann kommt dabei bestimmt auch das Spielerische – und wohl auch etwas Spass – nicht zu kurz.