• Goldgelbes Löwenäffchen im Zoo Zürich.
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19.04.17

Medien-Apéro April: Südamerikanische Primaten

Bedrohte Vielfalt akrobatischer Baumbewohner: Herausforderungen und Erfolge beim Schutz südamerikanischer Affenarten wie Gelbbrustkapuziner, Goldgelbes Löwenäffchen und Totenkopfäffchen.

Südamerika beherbergt eine grosse Vielfalt an Primaten. Die Tiere sind weitgehend Bewohner von Wäldern, insbesondere Regenwäldern. Die Abholzung grosser Waldflächen bedroht viele dieser Arten, speziell solche mit lokalem Vorkommen. Drei Arten, die im Bestand des Zoo Zürich vertreten sind, sollen hier herausgegriffen werden: einerseits das Bolivianische Totenkopfäffchen, eine Art, die dank ihres grossen Verbreitungsgebietes heute noch in sicheren Beständen vorkommt. Andererseits die stark bedrohten Gelbbrustkapuziner und Goldgelben Löwenäffchen, bei deren Erhaltung das Engagement von Zoos eine wesentliche Rolle spielt. Für alle drei Arten wird ein Europäisches Erhaltungszuchtprogramm geführt.

Infos Zuchtprogramme

Goldene Zwerge mit Familiensinn

Goldgelbe Löwenäffchen leben in Familiengruppen, bestehend aus einem monogamen reproduzierenden Paar und dessen Nachwuchs bis zum Alter von etwa drei Jahren. Die Gruppen umfassen zwei bis vierzehn Individuen, im Mittel sind es sechs. Sie verteidigen ein Territorium von etwa fünfzig bis hundert Hektaren. Nach einer Tragzeit von 120 Tagen bringt das Weibchen saisonal ein- bis zweimal pro Jahr ein bis drei Junge zur Welt, meist Zwillinge. Diese werden vom Männchen und den älteren Geschwistern herumgetragen. Die Goldgelben Löwenäffchen ernähren sich von Insekten und deren Larven, Spinnen, kleinen Echsen, Baumfröschen, Früchten, Blüten, Blättern und Baumsäften. Sie sind tagaktiv. Nachts schlafen sie in Baumhöhlen oder dichtem Pflanzenbewuchs.

Rückkehr der Goldgelben Löwenäffchen: Erfolgsgeschichte

Der atlantische Küstenwald in Brasilien ist einer der weltweit fünf wichtigsten Biodiversitätshotspots. Früher erstreckte er sich über eine Fläche von rund 1.3 Millionen Quadratkilometern. Mit der Ankunft der Portugiesen im 16. Jahrhundert begann seine Zerstörung: Grosse Flächen fielen dem Siedlungsbau und der landwirtschaftlichen Nutzung zum Opfer. Heute existieren nur noch wenige Prozent der ursprünglichen Waldfläche, aufgeteilt in viele isolierte Teilflächen. Die Goldgelben Löwenäffchen besiedeln eine kleine Teilfläche dieses Waldes im Bundesstaat Rio de Janeiro. 1960 bemerkte man, dass die Goldgelben Löwenäffchen im Freiland nahezu ausgestorben waren. Nebst der Lebensraumzerstörung und -fragmentierung hatte insbesondere der Handel dazu beigetragen. 1967 wurden die Tiere in Brasilien unter Schutz gestellt.

Die zu dieser Zeit in Menschenobhut betreuten Bestände entwickelten sich nicht zufriedenstellend: die Reproduktion war gering, die Sterblichkeit hoch. 1972 trafen sich deshalb Biologen aus Europa, den USA und Brasilien zu einer Konferenz, an der die Weichen für ein gezieltes Zuchtprogramm gestellt, Schutzmassnahmen formuliert und Forschungsziele definiert wurden. Der wohl wichtigste Faktor für die Förderung des Zuchtprogramms war das Verständnis des Fortpflanzungssystems der Löwenäffchen: Monogamie, kooperative Fortpflanzung (Helfer) und Unterdrückung der Fortpflanzung bei untergeordneten Weibchen (Töchtern).

Waren 1969 in einem stark fragmentierten Lebensraum noch rund 600 Tiere gezählt worden, gab es 1975 nur noch 100 bis 200 überlebende Tiere. 1974 wurde ein erstes Reservat von 5500 Hektaren für die Goldgelben Löwenäffchen geschaffen. Als Schutzziel wurde eine Population von 2000 Individuen in einem mindestens 250 Quadratkilometer grossen, geschützten und vernetzten Lebensraum bis ins Jahr 2025 formuliert. Um die freilebende Population langfristig zu sichern, mussten einerseits die Individuenzahl und andererseits die genetische Diversität erhöht werden. Mit zwei Massnahmen wurde der freilebende Bestand diesbezüglich unterstützt: mit Wiederansiedlungen und Umsiedlungen. Zwischen 1984 und 2000 wurden insgesamt 146 in Zoos in Europa und den USA geborene Tiere ausgewildert. Sie durchliefen vor ihrer Freilassung ein «Freiland-Training». Die ausgewilderten Tiere wurden bis zur vollen Selbständigkeit mit Futter versorgt und soweit nötig veterinärmedizinisch betreut. Die Freilassungen erfolgten zunächst im Reservat zur Stärkung der dort ansässigen Population. Später wurden dann auch private Grundstücke neu mit Goldgelben Löwenäffchen besiedelt. 2005 umfasste die Population der wiederangesiedelten Tiere 589 Individuen. Zwischen 1994 und 1998 wurden 42 Tiere in 6 Gruppen aus kleinen, isolierten Flächen herausgefangen und in ein zweites, neugeschaffenes Reservat umgesiedelt. Aus diesen Umsiedlungen resultierte bis 2006 ein Bestand von 220 Tieren.

Weitere Bemühungen zielen nun dahin, die verschiedenen inselartigen Lebensräume der Goldgelben Löwenäffchen mittels Waldkorridoren zu verbinden, um so einen Austausch zwischen den Teilpopulationen zu ermöglichen und weitere Lebensräume zu erschliessen. Bereits sind über 200 Hektaren Wald aufgeforstet worden, weitere Korridore sind geplant. Eine 2014 durchgeführte Zählung ergab einen freilebenden Bestand an Goldgelben Löwenäffchen von 3200 Tieren, verteilt auf 4 getrennte Waldbereiche. Über ein Drittel davon sind Nachkommen ausgewilderter zoogeborener Tiere. Mit 3 staatlichen und 22 privaten Schutzgebieten sind rund 13‘000 Hektaren des Lebensraumes dieser Krallenaffen geschützt. Weiterhin besteht ein Zuchtprogramm für diese Tiere, das weltweit rund 560 Tiere umfasst und in das über 130 Zoos involviert sind. Die Tiere sind eine Leihgabe, sie gehören dem Brasilianischen Staat.

Zuchtgruppe im Zoo Zürich

Im Zoo Zürich wurden Goldgelbe Löwenäffchen erstmals 1931 gezeigt. Die Tiere stammten damals aus einer Tierhandlung; am liebsten frassen sie in Milch eingelegtes Weissbrot … Trotz dieser etwas unausgewogenen Ernährung erfolgte 1939 die erste Nachzucht. Das heutige Zuchtpärchen bilden Gilbert (2007, Münster) und Juliet (2009, Apeldoorn). Am 19. März 2017 kamen die jüngsten Familienmitglieder zur Welt. Die Gruppe umfasst aktuell zehn Tiere.

Gelbbrustkapuziner

Die Gelbbrustkapuziner wurden ursprünglich als Unterart des Gehaupten Kapuziners beschrieben. Aufgrund der phäno- wie auch genotypischen Unterschiede zu den anderen Kapuzinern wird er heute systematisch als eigenständige Art eingestuft. Die Heimat der Gelbbrustkapuziner sind die atlantischen Küstenwälder im Süden und Südosten der Provinz Bahia, Brasilien. Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet dieser Art ist durch die grossflächige Rodung der Wälder massiv geschrumpft und zerfällt in inselartig verteilte und voneinander isolierte Restflächen. Neben dem Lebensraumverlust hat insbesondere die Bejagung zum Bestandesrückgang beigetragen.

Herausragendes Merkmal der Kapuziner ist ihr Greifschwanz. Er übernimmt bei der Fortbewegung in den Baumkronen vor allem die Funktion eines Ankers, wird aber auch für den Transport z.B. von kleineren Futterstücken eingesetzt. Die Nahrung dieser Tiere besteht aus Früchten aller Art, Beeren, Nüssen, Insekten und kleineren Wirbeltieren. Kapuziner sind tagaktiv und bilden grössere soziale Gruppen mit bis zu 40 Individuen.

Start eines Zuchtprogramms

Die Gelbbrustkapuziner gehören zu den am stärksten gefährdeten Primaten. Aufgrund des starken Populationsrückgangs dieser Art startete das Rio de Janeiro Primate Center 1980 ein Zuchtprogramm. Dazu wurden bei der indigenen Bevölkerung Tiere eingesammelt, die als Haustiere gehalten wurden. 1990 signalisierte der Zoo Zürich nebst zwei weiteren europäischen Zoos seine Bereitschaft, das Programm zu unterstützen. Zunächst ging es um die Bereitstellung finanzieller Mittel, um weitere Tiere für das Zuchtprogramm sammeln und benötigte Gehege in der Primatenstation erstellen zu können. In einem späteren Schritt war die Beteiligung am Zuchtprogramm vorgesehen. Dies nicht zuletzt, um mit einer räumlichen Verteilung der kleinen Population die Risiken von seuchenartigen Erkrankungen zu minimieren. Zur Koordination aller Schutzbemühungen schuf die brasilianische Naturschutzbehörde 1992 ein internationales Komitee.

1996 trafen fünf Gelbbrustkapuziner aus der Primatenstation in Rio de Janeiro in Zürich ein. Entsprechend der Veterinärbestimmungen wurden die Tiere zunächst für zwölf Wochen in eine geschlossene Quarantäne verbracht. Zwei der Tiere waren ursprünglich als Haustiere gehalten worden, drei wurden in der Primatenstation geboren. Ihre erste Unterbringung im Zoo befand sich im alten Kleinaffenhaus. 2012 haben sie die Anlage im Pantanal bezogen.

Verantwortung der europäischen Zoos

Gelbbrustkapuziner werden ausserhalb ihres Ursprungslandes Brasilien nur in Europa gehalten. Ausgehend von den 3 Zoos Mulhouse, Zürich und Chester sind nunmehr 29 Zoos mit über 220 Tieren in Europa in das Zuchtprogramm einbezogen. Die Tiere sind alle als Leihgabe hier und verbleiben im Besitz der brasilianischen Naturschutzbehörde. Von den ursprünglich importierten Tieren leben noch zwei im Zoo Zürich, der rund 29-jährige Julio (als Haustier aufgewachsen) und die 25-jährige Pedra. Zur Gruppe gehören weiter die beiden 2013 und 2015 hier geborenen Jungtiere. Nachzuchten aus Zürich wurden an neun Zoos in Deutschland, England, Frankreich, Portugal und Schweden abgegeben.

Bolivianisches Totenkopfäffchen oder Saimiri

Das Verbreitungsgebiet des Bolivianischen Totenkopfäffchens liegt im oberen Amazonasbecken und erstreckt sich entlang des nördlichen Fusses der Anden über die Länder Bolivien, Brasilien und Peru. Als Lebensraum bevorzugen die Totenkopfäffchen saisonal überflutete Wälder, Galeriewälder entlang von Flüssen und Sekundärwälder. Ihre geschickte Fortbewegungsart im Geäst hat ihnen im Englischen den Namen «squirrel monkey» eingetragen. Ihr langer Schwanz hilft ihnen, beim Klettern und Springen die Balance zu halten. Auf dem Speisezettel der kleinen Affen stehen Früchte und insbesondere Insekten. 75–80 Prozent ihrer Futtersuche verwenden sie für die Jagd auf Insekten. Man sieht die Totenkopfäffchen oft an den äussersten Enden der Äste aufmerksam die Blattoberflächen nach Insekten absuchen.

Sozial sind die Totenkopfäffchen in Gruppen von 20 bis 75 Individuen organisiert. Weibchen verbleiben in der Gruppe und formen stabile Untergruppen. Sie sind gegenüber Männchen dominant. Männchen sind in diesen Gruppen meist nur peripher geduldet. Sie verlassen ihre Geburtsgruppe mit vier bis fünf Jahren, bilden zunächst Männchengruppen und wechseln dann von Weibchengruppe zu Weibchengruppe. Die Fortpflanzung erfolgt saisonal mit einer hohen Synchronisation der Oestren der Weibchen. Die Männchen legen in dieser Zeit an Gewicht zu, was ihre Attraktivität gegenüber den Weibchen und ihre Konkurrenzkraft gegenüber den anderen Männchen erhöht. Weibchen unterstützen sich gegenseitig bei der Aufzucht der Jungen, sie nehmen dabei eigentliche Tantenfunktionen ein.

Insel der Begegnung

Mit der Eröffnung des Pantanals 2012 zogen auch Bolivianische Totenkopfäffchen in Zürich ein. Die Gruppe umfasst aktuell zehn Tiere, sechs Männchen und vier Weibchen. Nebst der einsehbaren Innenanlage haben die Totenkopfäffchen Zugang zu zwei Inseln. Eine der Inseln ist zu bestimmten Zeiten unter Aufsicht auch für die Besucher zugänglich und ermöglicht so Begegnungen aus der Nähe mit diesen Tieren.

Infos Affeninsel

Die Weltnaturschutzunion IUCN stuft in ihrer Roten Liste das Bolivianische Totenkopfäffchen als «nicht gefährdet» ein. Wenn auch die Bestände etwas abgenommen haben, so kommt diese Art noch in einem grossen Verbreitungsgebiet vor und geniesst in mehreren grossflächigen Reservaten Schutz. In Europa werden in rund 70 Institutionen mehr als 700 Individuen gepflegt.

Bilder unter Quellenangabe zur redaktionellen Verwendung frei.

Goldgelbes Löwenäffchen im Zoo Zürich.
Goldgelbes Löwenäffchen im Zoo Zürich.
Copyright: Zoo Zürich, Peter Bolliger
Goldgelbes LöwenäffchenFedor im Zoo Zürich.
Goldgelbes Löwenäffchen im Zoo Zürich.
Copyright: Zoo Zürich, Karsten Blum
Gelbbrustkapuziner im Zoo Zürich.
Gelbbrustkapuziner im Zoo Zürich.
Copyright: Zoo Zürich, Enzo Franchini
Gelbbrustkapuziner im Zoo Zürich.
Gelbbrustkapuziner im Zoo Zürich.
Copyright: Zoo Zürich, Enzo Franchini
Saimiri im Zoo Zürich.
Saimiri im Zoo Zürich.
Copyright: Zoo Zürich, Enzo Franchini
Saimiri im Zoo Zürich.
Saimiri im Zoo Zürich.
Copyright: Zoo Zürich, Corinne Invernizzi