Klein, flink, bedroht: Die Krallenaffen
Zusammen mit der Forschungsstation wurden auch die ersten Innenanlagen der künftigen Pantanal Voliere erstellt. Dort eingezogen sind drei Krallenaffenarten: Springtamarin, Goldgelbes Löwenäffchen und Lisztaffe. Typisch für Krallenaffen sind ihre langen Krallen, die sie von allen anderen Affenarten unterscheiden. Den Baumbewohnern geben sie besonders guten Halt bei ihren teils waghalsigen Sprüngen und flinken Bewegungen im Geäst des Regenwalds. Alle drei Krallenaffenarten im Zoo Zürich sind bedroht und Teil der Europäischen Erhaltungszuchtprogramme. Die drei südamerikanischen Arten werden ab 2028 auch in der Pantanal Voliere zu beobachten sein.
In Punkto Jöö-Effekt können es Krallenaffen durchaus mit Erdmännchen aufnehmen: Während das eine Goldgelbe Löwenäffchen grazil sein Bein streckt, untersucht das andere dieses – inklusive Kralle – akribisch genau auf mögliche Parasiten. Auch wenn keine vorhanden sind, irgendeinen Krümel gibt es immer zu beseitigen. Und so schnellt der Kopf des pflegenden Äffchens von Zeit zu Zeit vor und pickt etwas aus dem Fell seines Partners. Ist alles sauber, wird getauscht. Nun muss der zuvor Gepflegte ran und der Pflegende wird untersucht. Minutenlang und mit grosser Hingabe widmen sich die Tiere dieser Prozedur.
Krallenaffen sind sehr sozial
Was auf uns Menschen herzig wirkt, erfüllt für Krallenaffen einen wichtigen Zweck. Das gegenseitige «Lausen» – auch Grooming genannt – stärkt und sichert die Verbundenheit innerhalb der Gruppe. Krallenaffen sind sehr soziale Tiere, die meist in kleinen Familienverbänden zusammenleben. An der Spitze steht in der Regel ein dominantes Weibchen. Sie ist die Einzige, die sich mit dem ranghöchsten Männchen oder manchmal auch wechselnden Partnern paart und fortpflanzt.
Für die Aufzucht des Nachwuchses ist hingegen die gesamte Gruppe zuständig. Jeder leistet seinen Anteil und unterstützt – wenn notwendig. Die Hauptlast tragen aber die Väter. Im wahrsten Sinne des Wortes. Vor allem sie sind diejenigen, die die Jungtiere auf ihrem Rücken umhertragen, sie schützen und Futter mit ihnen teilen. Etwas, was in dieser Intensität keine andere Affenart macht. Der Mutter wird der Nachwuchs meist nur zum Säugen gebracht. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, den Familienverbund zu leiten und zu lenken.
Erfolgreiche Wiederansiedlung
Eine Aufgabe, die für viele wildlebende Goldgelbe Löwenäffchen in der Vergangenheit kaum noch zu meistern war. In den 60er Jahren stand die Art kurz vor der Ausrottung. Ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet sind die Regenwälder entlang der Atlantikküste Brasiliens, die sogenannte Mata Atlântica. 98 Prozent dieser Wälder sind zerstört und der verbliebene Rest ist in kleine Waldfragmente zerstückelt.
Um die Art zu retten, wurde 1974 das rund 50 Quadratkilometer grosse Reservat Poço-das-Antas in Brasilien unter Schutz gestellt. Etwa zeitgleich wurde ein Zuchtprogramm ins Leben gerufen, an dem zahlreiche Zoos aus den USA und Europa bis heute beteiligt sind, auch der Zoo Zürich. Ziel damals: der Wiederaufbau einer Population von etwa 2000 Tieren in einem mindestens 250 Quadratkilometer grossen, vernetzen Lebensraum bis 2025. Um dies zu erreichen, wurden zwischen 1984 und 2000 insgesamt 146 Tiere aus Zoos ausgewildert und weitere Schutzgebiete erstellt.
Heute leben schätzungsweise wieder rund 1500 Tiere in der Wildnis Brasiliens. Auch wenn die Rettung der Art vorläufig erfolgreich war, so gilt das Goldgelbe Löwenäffchen noch immer als stark bedroht. Der Verlust seines Lebensraums hält an. Und auch der Handel mit den possierlichen Tierchen ist immer noch ein Problem.
Lebensraumverlust ist grösste Bedrohung
Gleiches gilt auch für die beiden anderen im Zoo Zürich gehaltenen Krallenaffenarten. Auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten der Weltnaturschutzunion IUCN wird der Springtamarin als bedroht, der Lisztaffe gar als vom Aussterben bedroht geführt. Letzterer wurde in den 1960er und 1970er Jahren in grossen Mengen gefangen und als Labortier für die Forschung genutzt. Das ist heute verboten.
Die grösste Bedrohung für die Art ist heute der anhaltende Verlust ihres Lebensraums. Ihr Ursprungsgebiet sind die Wälder und das Buschland im Westen Kolumbiens. Auch wenn die Entwaldung in Kolumbien zuletzt erstmals, seit mehr als 20 Jahren rückläufig war, bleibt der illegale Holzschlag ein Problem. Forschende gehen daher davon aus, dass die Bestände der Lisztaffen über drei Generationen hinweg, etwa bis Mitte der 2030er Jahre, um 80 Prozent einbrechen werden.
«Nomen est omen»
Seinen Namen verdankt der Lisztaffe übrigens seinem auffälligen Äusseren. Manch einen erinnert dieses an die Haarfrisur des österreichisch-ungarischen Pianisten Franz Liszt. Im englischen Sprachraum dagegen wird eher der Vergleich zur wilden Mähne Albert Einsteins gezogen. Entsprechend heisst der Lisztaffe dort Cotton-Top, also Baumwoll-Kopf.
«Nomen est omen» gilt auch beim Springtamarin. Unter den drei Krallenaffenarten besitzt er die grösste Sprungkraft. Bis zu vier Meter schafft er. Und das bei einer Körpergrösse von gerade einmal 22 Zentimetern. Das ist enorm. Erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde der Springtamarin 1904 vom Schweizer Zoologen Emil August Goeldi, weshalb sein wissenschaftlicher Name Callimico Goeldii lautet. Die Art wurde erst relativ spät entdeckt, da sie in der Natur sehr zurückgezogen und in eher kleinen Gruppen lebt, die sich kaum je begegnen. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich bis in den äussersten Westen Brasiliens, den Süden Kolumbiens, über Peru bis nach Bolivien.
Auch dem Springtamarin droht nach Ansicht von Fachleuten ein Rückgang der Bestände. Mit erwarteten 30 Prozent bis etwa 2035 sind sie weniger dramatisch als beim Lisztaffen, dürften aber dazu führen, dass er auf der Roten Liste künftig in eine höhere Gefährdungsstufe rutscht. Wie für das Goldgelbe Löwenäffchen bestehen auch für den Lisztaffen und den Springtamarin Europäische Erhaltungszuchtprogramme EEP, an denen sich der Zoo Zürich beteiligt und damit zum Schutz der Arten beträgt.
VIDEOS
Die Videos sind unter Quellenangabe zur redaktionellen Berichterstattung über den Zoo Zürich freigegeben.
Video mit UT
Copyright: Zoo Zürich, Nicole Schnyder
Rohschnitt ohne UT
Copyright: Zoo Zürich, Nicole Schnyder
BILDER
Die Bilder sind unter Quellenangabe zur redaktionellen Berichterstattung über den Zoo Zürich freigegeben.