Artenmanagement: 10 Dscheladas getötet
Der Zoo Zürich hat in der vergangenen Woche 10 Dscheladas unterschiedlichen Alters aus verschiedenen Haremsgruppen im Lebensraum Semien Gebirge entnommen und getötet. Die Entnahme erfolgte aus Gründen des Artenmanagements, um so langfristig zur Stabilität der Population beizutragen.
Für nachhaltige und gesunde Populationen in Zoos ist Artenmanagement, d.h. die tierschutzkonforme Tötung von gesunden Tieren, für die kein geeigneter Abgabeplatz gefunden wird, unerlässlich. Im Zoo Zürich ist Artenmanagement seit vielen Jahren gelebte Praxis. Wir kommunizieren dazu transparent und monatlich aktuell auf unserer Website. Mit Blick auf die kürzlich publizierte Studie zur Überalterung von Tierpopulationen in Zoos, sowie um über das wichtige Thema aufzuklären und ihm mehr Präsenz in der Gesellschaft zu geben, informieren wir hierzu proaktiv.
Für Tierwohl und Artenschutz
Dscheladas (Theropithecus gelada) gehören zu den Pavianartigen und leben in Haremsverbänden unterschiedlicher Grössen zusammen. Jeder Harem besteht aus mehreren, meist miteinander verwandten Weibchen, ihrem Nachwuchs und einem dominanten Männchen. Im Semien Gebirge des Zoo Zürich leben aktuell vier Harems in einem grossen sogenannten Clan zusammen. Das entspricht der natürlichen Sozialstruktur. Auch im Hochland Äthiopiens, dem einzigen Verbreitungsgebiets der Dscheladas, leben die Tiere in kleineren Harems, die sich zu grossen Clans oder sogar riesigen Herden von mehreren Hundert Tieren zusammenschliessen.
Der Clan im Zoo Zürich bestand vor der Entnahme von 10 Tieren aus 48 Individuen. Der Schritt war nötig geworden, weil es aufgrund der Clangrösse zunehmend zu Auseinandersetzungen und Unruhen unter den Tieren gekommen war. «Eine solche Gruppendynamik wirkt sich immer negativ auf das Wohl aller Tiere aus und darf kein Dauerzustand sein. Gleichzeitig liegt es in unserer Verantwortung, zur langfristigen genetischen Stabilität der Population der Dscheladas in der europäischen Zoogemeinschaft beizutragen. Das geht nur, wenn die Zucht zugelassen wird», erklärt Zoodirektor Severin Dressen.
Tötung als letzte Option
Die Sicherstellung von kontinuierlicher Zucht ist insbesondere bei Dscheladas aus zwei Gründen bedeutsam. Einerseits sind Dscheladas sehr soziale Tiere, die in äusserst komplexen Strukturen und Hierarchien leben, bei denen die Aufzucht von Nachwuchs eine wichtige Rolle spielt. Ohne Fortpflanzung würde den Tieren ein elementares Grundbedürfnis genommen. Zum anderen stellt Zucht den Erhalt der gesamten Population im Rahmen des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) sicher. Viele Tierpopulationen in Zoos drohen, zu überaltern und sind dadurch gefährdet, instabil zu werden. Dies gilt es, durch ausreichenden Nachwuchs zu verhindern.
Eine Abgabe der Tiere wurde in Zusammenarbeit mit dem Koordinator des EEPs der Dscheladas ausgiebig geprüft. So waren im Herbst bereits sechs Tiere an einen anderen europäischen Zoo abgegeben worden. Weitere passende Abgabeplätze konnten jedoch nicht gefunden werden. Als letzter Schritt blieb nur die Entnahme. Die Tiere wurden nach reiflicher Abwägung sowie genauer Analyse der Haremsstrukturen sehr gezielt ausgewählt. Getötet wurden ausschliesslich Tiere, die nicht oder nicht mehr zum Erhalt der Gesamtpopulation der Dscheladas im Rahmen des EEP beitragen. Die Tötung erfolgte tierschutzkonform. Die Tiere wurden zuerst betäubt und anschliessend euthanasiert.
Gefährdung eine Frage der Zeit
Auf der Roten Liste der gefährdeten Arten der Weltnaturschutzunion IUCN wird die Art aktuell noch als nicht gefährdet geführt. Der Populationstrend ist jedoch stark abnehmend. Das bestätigt auch der Blick ins Ursprungsgebiet der Tiere. Die dortigen Populationen stehen zunehmend unter Druck.
Vor allem das Bevölkerungswachstum und der damit einhergehende Zuwachs an Landwirtschaft führt zu anhaltenden Lebensraumkonflikten. So stellt der Simien-Mountains-National-Park eines der letzten Rückzugsgebiete der Art dar. Aktuelle Schätzungen gehen von einem Gesamtbestand von noch rund 30‘000 Tieren aus. Über 60 Prozent der Population lebt im Nationalpark. Ein bedeutendes Forschungsprojekt zum Erhalt der Art in der Natur stellt das Bridges Project dar, dem die EEP-Reservepopulation in europäischen Zoos als wichtige Referenzeinheit dient.
«Eine Euthanasie von Tieren erfolgt nie grundlos, sondern aus sehr bedachten und notwendigen Überlegungen zum Erhalt von Populationen. Selbstverständlich ist aber nachvollziehbar, wenn die Tötung von 10 Dscheladas im ersten Moment aus einer emotionalen Sicht wenig verständlich ist. Als Naturschutzorganisation sehen wir es aber auch als unsere Aufgabe und Verantwortung, das Thema proaktiv anzugehen, transparent in der Öffentlichkeit zu vermitteln und über die Gesamtzusammenhänge aufzuklären», ist Dressen überzeugt.
Verwendung in der Forschung
Alle getöteten Tiere wurden der Forschung zur Verfügung gestellt: Einige Tiere ganz, von manchen verschiedene Körperteile wie Hoden, Zähne, der Magen-Darm-Trakt oder auch der Gehörgang – je nach Ausrichtung der beteiligten nationalen und internationalen Forschungsprojekte.
BILDER
Die Bilder sind unter Quellenangabe zur redaktionellen Berichterstattung über den Zoo Zürich freigegeben.
Dscheladas sind sehr soziale Tiere, die in klaren Hierarchien leben. Foto: Zoo Zürich, Fabio Süess.