Alte Tiere gefährden Artenschutz-Ziele moderner Zoos
Die Populationen vieler Tierarten in Zoos sind überaltert. Dieser Zustand gefährdet die Artenschutzbemühungen moderner Zoos. Das zeigt eine Studie unter Leitung der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit mehreren internationalen Universitäten sowie dem Zoo Zürich und dem Zoo Kopenhagen. Die in der renommierten Fachzeitschrift PNAS publizierte Studie ist relevant, weil sie erstmals offiziell bestätigt, dass die aktuelle Entwicklung vieler Reservepopulationen in Zoos ungünstig ist und Handlungsbedarf besteht. Dem Zoo Zürich sowie vielen weiteren modernen Zoos der Schweiz ist diese Situation bewusst, weshalb sie der Entwicklung schon heute mit aktivem Artenmanagement begegnen.
Um die Stabilität einer Population zu bestimmen, reicht ein Blick auf die Alterspyramide einer Population. Gibt es viele alte und wenig junge Individuen innerhalb der Population? Ist das Verhältnis ausgeglichen? Überwiegt der Anteil der Jungen? Genau diese Altersverteilung haben internationale Forscher*innen unter Leitung der Universität Zürich bei 774 Säugetierpopulationen in europäischen sowie nordamerikanischen Zoos über einen Zeitraum von 53 Jahren analysiert.
Artenschutz in Gefahr
Das Ergebnis: Viele Populationen altern immer mehr, es gibt also immer mehr alte und immer weniger sich fortpflanzende Tiere innerhalb der jeweiligen Population. Die Konsequenz daraus könnte fatal sein. Denn durch Überalterung und fehlende Fortpflanzung wird eine Population instabil. Gibt es keinen Nachwuchs und sterben zeitgleich nach und nach alte Tiere, sind irgendwann kaum noch Tiere oder sogar gar keine Tiere mehr da. Solche Populationen sind weniger resilient – zum Beispiel gegen Tierseuchen oder Ereignisse wie COVID, die den Austausch von Tieren zwischen Zoos dramatisch einschränken können.
«Langfristig droht eine solche Population zu verschwinden und somit auch ihren Sinn und Zweck im Artenschutz zu verlieren. Dieser besteht darin, eine Reserve, eine Versicherung für eine gefährdete Art zu bilden – damit eine Tierart auch dann bestehen bleibt, wenn sie in der Natur auf lange Sicht wenig Überlebenschancen hat. Doch diesen Sinn erfüllt eine Reservepopulation nur dann, wenn sie stabil, resilient, gesund und von Dauer ist. Nur dann trägt sie effektiv zum Artenschutz bei», erklärt Zoodirektor Severin Dressen.
Erhalt von Reservepopulation ist zentral
Artenschutz gehört neben Naturschutz, Bildung und Forschung zu den Hauptaufgaben eines modernen Zoos. Neben dem Natur- und Artenschutz vor Ort im natürlichen Lebensraum einer Tierart (in situ) ist vor allem auch der Schutz einer Art ausserhalb ihres natürlichen Lebensraums (ex situ) eine zentrale Aufgabe moderner Zoos. Dafür erhalten moderne Zoos Reservepopulationen von Tierarten, die Gefahr laufen, langfristig in der Natur nicht dauerhaft zu überleben – dies aufgrund diverser Bedrohungen wie dem zunehmenden Verlust von Lebensraum, Wilderei, genetischer Verarmung durch Zersplitterung von Populationen, Krankheiten oder auch Ausbreitung invasiver Arten. Die menschgemachten Gründe sind vielfältig.
«Gerade weil die Krise der Artenvielfalt akut ist und wir immer mehr Arten verlieren, ist es zentral, dass moderne Zoos ihrer Aufgabe im Ex-situ-Artenschutz durch das Bewahren von Reservepopulationen nachkommen», ergänzt Dressen.
Analyse der Daten im Zeitverlauf
Die nun erschienene Studie bestätigt deutlich, dass diese Aufgabe moderner Zoos nicht ideal erfüllt wird. Viele Reservepopulationen drohen aufgrund ihrer Altersstruktur instabil zu werden.
Um eine Aussage über die Situation und Stabilität von Zoopopulationen treffen zu können, schauten sich die Forscher*innen die Entwicklung der Alterszusammensetzung von 361 nordamerikanischen und 413 europäischen Säugetierpopulationen zwischen 1970 und 2023 an. Insgesamt analysierten die Forscher*innen somit 774 Populationen von Säugetieren, die im Rahmen von Zuchtprogrammen in nordamerikanischen und europäischen Zoos gehalten werden.
Umfassende Datenbank als Grundlage
Sie nutzten dafür Daten von Species360. Dies ist eine internationale, nicht öffentlich zugängliche Online-Datenbank, die derzeit von mehr als 1200 Institutionen weltweit genutzt wird, um tierbezogene Daten gemeinschaftlich zu verwalten. Erfasst in der Online-Datenbank ist jedes Tier einer Population mit Alter, Abstammung, Geschlecht, Geburtsort sowie vielen weiteren relevanten Angaben. Ebenfalls vermerkt ist, ob ein Tier als reproduktiv gilt oder nicht, also ob es sich fortpflanzt oder zumindest dazu in der Lage wäre.
Aus diesen Daten haben die Forscher*innen für jedes Jahr und jede der 774 untersuchten Säugetierpopulationen eine grafische Altersverteilung in Form einer Alterspyramide erstellt. Zusammengefasst ergibt sich daraus ein Überblick über die Entwicklung der Altersstruktur für jede Population von maximal 53 Jahren.
Was ist eine Alterspyramide? |
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| Die klassische Darstellung der Altersverteilung einer Population ist die Alterspyramide. Eine natürlich gewachsene Population hat ein starkes Fundament, bestehend aus vielen jungen und fortpflanzungsfähigen Individuen und dünnt nach oben hin aus. Mit zunehmendem Alter nimmt die Anzahl Individuen natürlicherweise ab und läuft mehr oder weniger spitz zu. Es entsteht die Form einer Pyramide. Verschiedene Einflussfaktoren (z.B. Krankheiten, eine Verbesserung der medizinischen Versorgung oder die Verhinderung von Fortpflanzung) können einen starken Einfluss auf diese natürliche Altersstruktur haben und damit eine Population aus dem Gleichgewicht bringen. Solche Verschiebungen zeigen sich dann in einer veränderten Form der klassischen Alterspyramide. Sie ist dann beispielsweise eher diamant- oder säulenförmig mit wenig Jungtieren und einer geringeren Abnahme an alten Individuen. |
Keine Fortpflanzung mehr
Die Analyse der Studienergebnisse zeigt bei einem Grossteil der Populationen einen aus Artenschutzsicht negativen Trend. Im Laufe der Jahre hat der Anteil der juvenilen, resilienten und pyramidenartig geformten Populationsverteilungen in beiden untersuchten Regionen (Europa und Nordamerika) stark abgenommen. Der Anteil der überalterten, instabilen und diamantartig geformten Alterspyramiden hat im Gegenzug stark zugenommen.
Auch zeigt die Analyse, dass zeitgleich der Anteil von sich aktiv fortpflanzenden Weibchen stark abgenommen hat – in 49 Prozent der nordamerikanischen und 68 Prozent der europäischen Populationen. In einigen Populationen gibt es gar keine sich fortpflanzenden Weibchen mehr. Dies führt nicht nur dazu, dass Nachwuchs fehlt, auch die Sozialstruktur vieler Tierarten ist dadurch beeinträchtigt. Fortpflanzung und Aufzucht von Jungtieren ist ein Grundbedürfnis von Tieren und elementarer Bestandteil einer artgerechten Haltung.
Artenschutzziele gefährdet
Diese Entwicklung sei beunruhigend, fassen die Forscher*innen ihre Ergebnisse zusammen. Die aktuelle Entwicklung gefährde die wichtige Artenschutzarbeit moderner Zoos, weshalb der leitenden Studienautor klare Worte findet.
«Dieser Trend muss unbedingt gestoppt und umgekehrt werden. Zoos übernehmen eine zentrale Rolle im Artenschutz – auch bestätigt in einem Positionspapier aus dem Jahr 2023 der Weltnaturschutzunion IUCN. Diese Aufgabe können sie aber nur erfüllen, wenn sie stabile und resiliente Reservepopulationen erhalten. Dafür braucht es wieder mehr Jungtiere und weniger alte Tiere», erklärt der leitende Studienautor Marcus Clauss von der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Zürich.
«Um die Populationen zu stabilisieren, müssen überzählige Tiere entweder neu platziert werden, was nur bedingt möglich ist. Eine langfristige Lösung ist das aktive Artenmanagement mit respektvoller Tötung, um Platz für die nächsten Generationen zu schaffen», so Clauss.
Positionspapier der Weltnaturschutzunion IUCN: |
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| Die Weltnaturschutzunion IUCN betont in ihrem 2023 veröffentlichten Positionspapier , dass botanische Gärten, Aquarien und Zoos wichtige Partner im globalen Artenschutz sind. Sie tragen wesentlich zum Erhalt gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze bei – etwa durch genetisches Management, Forschung, Bildung, Wiederansiedlungen, weltweite Naturschutz- und Artenschutzarbeit sowie durch das Züchten und Erhalten von Reservepopulationen gefährdeter Arten ausserhalb ihres natürlichen Lebensraums. Sie übernehmen damit eine zentrale Rolle im Kampf gegen den Verlust der weltweiten Artenvielfalt. |
Aktives Artenmanagement
Der Zoo Zürich sowie viele weitere moderne Zoos der Schweiz betreiben bereits heute aktives Artenmanagement zur Regulierung und Stabilisierung von Reservepopulationen im Rahmen von Erhaltungszuchtprogrammen. Aktives Artenmanagement beinhaltet drei zentrale Methoden zur Populationsregulierung. Die Unterbindung von Fortpflanzung, die Abgabe von Tieren an andere geeignete Haltungen oder die Tötung von Tieren.
Die Unterbindung von Fortpflanzung erachten moderne Zoo wie der Zoo Zürich als Methode, die nur sehr restriktiv zum Einsatz kommen sollte, da sie dem betroffenen Tier ein elementares Grundbedürfnis verweigert und sich negativ auf das Tierwohl auswirkt. Die Abgabe von Tieren ist immer das erste Mittel der Wahl. Da der zur Verfügung stehende Platz in Zoos und qualifizierten Privathaltungen jedoch begrenzt ist, ist dieses Vorgehen limitiert.
Der Zoo Zürich tötet daher auch Tiere, wenn anders kein Platz für die nächsten Generationen gesichert werden kann. Tötungen erfolgen immer gesetzeskonform, tierwohlgerecht und nach gründlicher Prüfung aller Optionen.
Krise der Artenvielfalt
Der Zoo Zürich versteht sich als Naturschutzorganisationen mit klarem Auftrag. Sein gesamtes Handeln dient einzig den vier Hauptaufgaben Naturschutz, Artenschutz, Bildung und Forschung. «Im Wissen, dass die aktuelle Krise der Biodiversität eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit darstellt, müssen moderne Zoos ihren Beitrag leisten», ist Severin Dressen überzeugt.
BILDER
Die Bilder sind unter Quellenangabe zur redaktionellen Berichterstattung über den Zoo Zürich freigegeben.
Um die Stabilität einer Population zu sichern, kann es vorkommen, dass Tiere getötet werden. Foto: Zoo Zürich, Dominik Ryser.